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Für die Freiheit des Mixed-Martial-Arts (MMA). Zum Verbot des Ultimate Fighting

Wie der Presse zu entnehmen ist, wird zukünftig im deutschen Fernsehen kein Mixed-Martial-Arts mehr gesendet werden. In der Pressemitteilung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) heißt es:

„Der Fernsehausschuss der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) hat in seiner Sitzung am 18. März 2010 die Genehmigung für die Formate The Ultimate Fighter, UFC Unleashed und UFC Fight Night im Programm des Deutschen Sport Fernsehens (DSF) aufgehoben.“

Man könnte etwas verblüfft darüber sein, dass ein Ausschuss der bayerischen Landeszentrale das Verbot einer deutschlandweit ausgestrahlten Sendung verfügen kann. Das aber hat sein Recht, wenn auch ein etwas seltsames.

Die BLM klärt auf:

„Im Unterschied zu den anderen Bundesländern schreibt die Bayerische Verfassung vor, dass Rundfunk ausschließlich in öffentlicher Verantwortung und öffentlich-rechtlicher Trägerschaft betrieben werden kann (Artikel 111a).
Um dem gerecht zu werden, wurde am 1. April 1985 die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) gegründet. Sie fungiert als öffentlich-rechtlicher Träger, in dessen Verantwortung die privaten Anbieter (alle privaten Hörfunk- und Fernsehsender) ihre Angebote einbringen. Die BLM wurde als rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts mit Sitz in München gegründet und hat das Recht der Selbstverwaltung in der Form eines verfassungsrechtlich verbürgten Autonomiebereichs, den sie frei von staatlicher Beeinflussung ausfüllen darf. Sie unterliegt lediglich einer eingeschränkten Rechtsaufsicht durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft Forschung und Kunst.“

Lange Rede kurzer Sinn: Die BLM entscheidet welche Programme gesendet werden dürfen, und zwar unabhängig davon ob diese von öffentlich-rechtlichen oder privaten Sendern angeboten werden. Die BLM ist nicht demokratisch legitimiert und – wie es oben heißt: nur eingeschränkt demokratisch kontrolliert. Die BLM entscheidet über das Programm des DSF. Und da das DSF für Bayern kein eigenes Programm anbieten kann, ist es notwendig gezwungen die Ausstrahlung deutschlandweit einzustellen, obwohl das Verbot der BLM de jure nur für Bayern gilt.
Bezeichnend ist zudem, dass die fehlende demokratische Legitimation der BLM für die Presse kein Grund ist, deren Handeln mit besonderer Sorgfalt zu beobachten, sondern führt wie im hier diskutierten Fall dazu, dass das Verbot der Ausstrahlung von Ultimate-Fighting als unhinterfragbares Faktum behandelt wird.

Die Begründung des Verbots durch die BLM ist denkbar kurz ausgefallen:

„Der Fernsehausschuss hält die genannten Formate durch die Massivität der gezeigten Gewalt für nicht akzeptabel. Die darin stattfindenden Tabubrüche, wie das Einschlagen auf einen am Boden liegenden Gegner, widersprechen dem Leitbild eines öffentlich-rechtlich getragenen Rundfunks nach Art. 111a der Bayerischen Verfassung, in dem u.a. gegenseitige Achtung (Art. 111a Abs.1 Satz 5) und das Verbot der Verherrlichung von Gewalt (Art. 111a Abs. 1 Satz 6) vorgegeben sind.“

Artikel 111a „Zur Garantie der Rundfunkfreiheit“ der Bayrischen Verfassung lautet vollständig:
„Die Freiheit des Rundfunks wird gewährleistet. Der Rundfunk dient der Information durch wahrheitsgemäße, umfassende und unparteiische Berichterstattung sowie durch die Verbreitung von Meinungen. Er trägt zur Bildung und Unterhaltung bei. Der Rundfunk hat die freiheitliche demokratische Grundordnung, die Menschenwürde, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu achten. Die Verherrlichung von Gewalt sowie Darbietungen, die das allgemeine Sittlichkeitsgefühl grob verletzen, sind unzulässig. Meinungsfreiheit, Sachlichkeit, gegenseitige Achtung, Schutz vor Verunglimpfung sowie die Ausgewogenheit des Gesamtprogramms sind zu gewährleisten.“

Vor dem Hintergrund des Verfassungsartikels ist die Verbotsbegründung einigermaßen kurios. Zum einen, weil der Fernsehrat die beiden Verweise auf die Bayerische Verfassung falsch setzt: Das Verbot der Verherrlichung von Gewalt wird nicht in Satz 6 von Artikel 111a, sondern in Satz 5 gefordert. Aber basst scho – mir san in Bayern.

Das wesentliche Problem neben der fehlenden Legitimation der BLM ist, dass diese die Deutungshoheit über das in Satz 5 von Artikel 111a erwähnt „allgemeine Sittlichkeitsgefühl“ beansprucht. Dass das Gesetz dieses nicht konkret benennt, ist logisch und dem Umstand geschuldet, dass das was vor 30 Jahre Jahren gegen die herrschende Moral verstieß, heute allgemein akzeptiert sein kann. Das Problem aber ist, dass der Verstoß gegen das Sittlichkeitsgefühl an der Gewalt des MMA festgemacht wird, ohne dass ersichtlich wäre, warum gerade diese Gewalt sittenwidrig sein sollte.

Ginge es nur um die Darstellung von Gewalt, dann müssten 50 Prozent des Fernsehprogramms verboten werden. Ginge es nur um die Darstellung von gewalttätigen Sportarten, dann müsste die Übertragung von Kampfsport im Fernsehen generell verboten werden. Das ist offenkundig nicht der Fall. Die Begründung des Fernsehausschuss bezieht sich explizit nicht auf die Darstellung von Gewalt im MMA, sondern auf deren „Massivität“, die einen „Tabubruch“ darstelle. Als Beispiel nennt der Fernsehausschuss „das Einschlagen auf einen am Boden liegenden Gegner“. Darin sieht man beim BLM eine Verstoß gegen das gesetzliche Verbot der Gewaltverherrlichung. Die Begründung ist Unsinn; und zwar auf ganzer Linie.

Warum? Darum:
Wenn die BLM eine Kampfsportart legitimiert, andere verbietet, dann muss dies sachlich begründet sein. Die BLM macht ihre Verbot der Ausstrahlung an der Massivität der Gewalt des MMA fest, wobei sie die Massivität darin begründet sieht, dass Gegner geschlagen werden dürfen, wenn diese am Boden liegen. Das MMA im Rahmen der Ultimate Fighting Championship (UFC) ist Allkampf mit einer Vielzahl von Auflagen und Regeln: vom Verbot an Haaren zu ziehen bis hin zu administrativen Regeln wie Gewichtsklassen und also alles andere als ein Kampf ohne Regeln. Die erfolgreichsten Kämpfer des MMA kombinieren Kampfsportarten, die Schläge und Tritte aus der Distanz ermöglichen (Thai Boxen, Takewon-Do u.a) mit Kampfsportarten, die den Kampf auch am Boden austragen (Jiu-Jitsu, Judo, Ringen u.a.). Gekämpft wird also sowohl im Stehen als auch am Boden. Während im Stehen mit Fäusten und Tritten und je nach Auflagen mit Knien und Ellbogen geschlagen wird, werden am Boden meist Halte- und Würgegriffe angesetzt, um den Gegner zur Aufgabe zu zwingen. Kämpfe werden beendet indem einer der Kontrahenten K.O. geht, durch ein sogenanntes „tap out“ aufgibt und damit selbstbestimmt den Kampf beendet. Geht der Kampf über die volle Zeit, fällen Punkterichter ein Urteil.

Was dies mit dem Urteil der BLM zu tun hat? Alles!

Wenn am Boden liegende Gegner geschlagen werden, ist dies in den Augen der BLM ein Tabubruch, der Gewalt verherrlicht. Das Schlagen eines Gegners in allen anderen Kampfsportarten ist dies nach Vorstellung der BLM nicht, sonst müsste deren Ausstrahlung ebenfalls verboten werden. Der Tabubruch wird demnach darin gesehen, dass der Gegner geschlagen wird, wenn er auf dem Boden liegt.

Bei näherer Betrachtung und einem Minimum an Fachwissen verhält es sich etwas anders.

Im Stehen und am Boden

Während im MMA jeder Kämpfer jederzeit selbstbestimmt den Kampf durch das „tap out“ beenden kann, kann im Boxen nur der Trainer eines Kämpfers den Kampf beenden, der Kämpfer hingegen nicht. Das MMA erlaubt clinching: Das Blockieren des Gegners ermöglicht Ruhepause im Kampf. Im Boxen hingegen wird der Clinch vom Ringrichter unterbunden. Man kennt dies aus dem Fernsehen: Zwei Gegner die clinchen werden vom Ringrichter getrennt um wieder aus der Distanz zu schlagen. Die härtesten und verheerendsten Schläge im Boxen sind Körperhacken auf Leber und Niere, den Solar Plexus, oder aber Schläge mit der Schlaghand auf das Gesicht. Sowohl in Hacken als auch in gerade Schläge wie beim Boxen aus der Hüfte geschlagen, das Körpergewicht wird also in den Schlag gelegt. Die Faustschläge auf einen am Boden liegenden Gegner sind nicht annähernd so hart, weil sie nur aus dem Arm, nicht aber aus der Hüfte geschlagen werden können. Wenn der Fernsehrat von der Massivität von Gewalt im MMA spricht, kann also nicht die Schlaghärte gemeint sein.

Dass das Schlagen von Gegnern die am Boden liegen ein Tabubruch ist, das Schlagen von stehenden Gegner nicht, ist rational nicht zu begründen. Dass die BLM dies tut, lässt Schlüsse auf den Moralbegriff der Mitglieder des Fernsehausschuss zu und zudem auf deren fehlende Kenntnis von Kampfsport:

Implizit wendet die BLM den Maßstab von Kampfsportarten wie Taekwon-Do, Thai-Boxen oder Boxen auf das MMA an. Bei diesen ist derjenige, der am Boden liegt der Unterlegene: wer am Boden liegt ist getroffen, wird angezählt, er verliert durch K.O. oder verliert wenigstens Punkte. Im MMA verhält es sich der Natur des Sportes entsprechend anders: Ist ein Kämpfer in der Distanz schwach, sucht er den Kampf am Boden. Er wird also versuchen im Clinch auf den Boden zu gehen um dort die Submisson zu suchen und Punkte zu machen. Und welche Position wird er also anstreben, liebe Mitglieder des Fernsehausschuss des BLM? Na? Oben oder unten? – Falsch, er will nicht von oben schlagen. Im Gegenteil wird er versuchen unter den Gegner zu kommen, er wird Closed guard oder Open guard anstreben um von dort Würge- und Haltegriffe anzusetzen und den Gegner zur Aufgabe zwingen. Wer am Boden liegt, ist also nicht wie in anderen Kampfsportarten der Unterlegene, sondern kann ebenso gut dominant sein.

Der Moralbegriff dem die BLM mit ihrem Urteil das Wort redet ist mehr als fragwürdig, weil er die Anwendung von Gewalt nicht von der Frage von Mittel und Zweck und der souveränen Entscheidung von mündigen Menschen abhängig macht, die aus freien Zwecken den Wettkampf suchen, sondern von der Kampfposition.

Abgesehen von diesen Differenzen der Kampfsportarten ist die Beurteilung des BLM auch hinsichtlich der moralischen Implikationen fraglich. Um die Moral der BLM auf den Punkt zu formulieren: Jemandem aus der optimalen Schlagdistanz die Faust in die Fresse, Niere, Leber, den Solar Plexus zu knallen ist der Weg um wie Max Schmeling oder Henry Maske zum Nationalhelden zu werden. Eine Sportart hingegen, die Kampftechniken am Boden integriert, wird delegitimiert, indem sie nicht mehr im Fernsehen ausgestrahlt werden darf.

Der Fernsehausschuss der BLM
Es bleibt zuletzt die Frage: Welche Fachleute für Sport und allgemeine Moral haben über das Verbot entschieden?

Der Vorsitzende des Fernsehausschusses Walter Keilbart ist Vertreter der Industrie- und Handelskammern; die stellvertretende Vorsitzende Lydia Sigl gehört dem Bayerischen Landessportverband an. Der Rest der Mitglieder sind Vertreter von Parteien, der katholischen und der evangelischen Frauenorganisation, der Bayerischen Hochschulen, der Familienverbände, des Bayrischen Staatstheaters, der Komponistenorganisation. Kurz: Der Medienrat setzt sich zusammen aus Vertretern sogenannter gesellschaftlicher Gruppen, die weder das Wissen haben, um die Qualität der Gewalt im MMA beurteilen können. Noch darf man annehmen, dass die Entscheidung Resultat von Studien zur Medienwirkungsforschung ist.

Zusammenfassend sei festgehalten: Das Gremium, dass das Verbot der Ausstrahlung von UFC verfügt hat ist weder demokratisch legitimiert, noch demokratisch kontrolliert. Die Mitglieder des Fernsehrates sind durch keine Kenntnis des Gegenstandes belastet und vertreten – wie man nüchtern und ohne Polemik feststellen darf – einen Moralbegriff, wie er in Kreisen von Fussballhooligans zu finden ist. Schlagen, Treten, Würgen sind ehrenhaft, tabu sind Schläge auf am Boden Liegende.

Das Verbot lässt erkennen, wie es um die postdemokratische deutsche Gesellschaft steht. Die implizite Message lautet: Verflucht ist, wer keine Lobby hat.

Augsburger Jungsozialisten

Jusos Augsburg

Liebe Augsburger SPD,

wenn das euer Nachwuchs ist seht ihr in Zukunft ganz schön alt aus, was?!

Eure Jungspunde von der OSC

(Foto vom Forum Augsburg)

Humor ist Geschmackssache, oder? Eine Kritik des Kabarettprogramms der Augsburger Puppenkiste

Was haben Autofahren und Sex gemeinsam?
In beiden Fällen sitzt die Frau daneben und sagt: „Nicht so schnell!“

Abgesehen vom logischen Fehler des „Witzes“ ist dieser von der Art, bei der man sich beschämt abwendet um möglichst schnell dem sicherlich nachfolgenden zu entgehen. Diese Art von Humor kann dabei nicht einmal als Nonsens bezeichnet werden, da sie, anstatt die Pointe durch einen unerwarteten Gedankenbruch zu erzeugen, Stereotypen bedient, die erst durch Prüderie und Missgunst funktionieren.

Erzählen sich Menschen derartige Witze, ist das ihre bedauernswerte Privatsache, doch geht es niemanden etwas an, auf welche Art sie mit Verdrängung und Reaktionsbildung umgehen. Wird diese Art von Humor öffentlich einem breiten Publikum zuteil, wundert man sich dann doch über den Erzähler und auch meist über die Menge an Menschen, die, können sie darüber wirklich lachen, trotz der ein oder anderen sexuellen Revolution der letzten Jahre, scheinbar noch immer ein größeres Problem damit haben. Selbst dies ist dabei allerdings noch nicht wirklich ärgerlich, sondern lediglich bedauernswert. Um ärgerlich zu werden, bedarf es einer weiteren Komponente, doch zuvor noch eine Frage.

An welcher Stelle in der Unterhaltungsbranche vermutet man nun diesen Witz? Man denkt vielleicht an Karneval oder an einen sogar in Deutschland untalentiert wirkenden Comedian, der auf Teufel komm raus einen Lacher gewinnen möchte. Selbst für Stefan Raab, und das mag etwas heißen, scheint dieser Witz unter Niveau. Einzig Mario Barth ist dies eventuell zuzutrauen, doch will ich diesem nicht mehr Raum als nötig widmen.
Man könnte über Humor in den deutschen Medien an dieser Stelle sehr weit ausholen und sehr viele Beispiele finden, was jedoch zum einen den Rahmen sprengen und zum anderen vom Thema wegführen würde. Nur so viel dazu, dass man – egal von welcher Qualität der sog. Humor vieler Comedians auch sein mag – dennoch Comedy von Kabarett abzutrennen hat. Dabei definiert man klassischerweise Kabarett als „Kleinkunst in Form von Sketchs und Chanson, die in parodistischer, witziger Weise politische Zustände oder aktuelle Ereignisse kritisieren“. (Quelle: DUDEN, Das Fremdwörterbuch. Notwendig für das Verstehen und den Gebrauch fremder Wörter)
Abgesehen von der Qualität eines Kabaretts ist doch diese Funktion elementar, der Kabarettbegriff also eindeutig definiert. Und hier beginnt nun der eigentliche Ärger.

Die Augsburger Puppenkiste ist seit vielen Jahren, genau gesagt seit 1950, nicht nur bekannt durch die im Fernsehen ausgestrahlten Sendungen von Jim Knopf und dem Urmel aus dem Eis, sondern auch, und das in zunehmendem Maße, durch ihr Programm für Erwachsene, das sie „Kabarett“ nennt. Die Popularität erkennend, sind in letzter Zeit auch überregionale Medien, die prinzipiell eine gewisse Qualität versprechen, auf das Kabarett der Puppenkiste aufmerksam geworden. Um nun zum Punkt zu kommen, an dieser Stelle noch einmal eine Wiederholung des Anfangs, ein Sketch des Kabarettprogrammes der Augsburger Puppenkiste:

Was haben Autofahren und Sex gemeinsam?
In beiden Fällen sitzt die Frau daneben und sagt: „Nicht so schnell!“

An sich unter gewissen Umständen vielleicht noch verzeihbar, doch ist dieser Sketch leider nicht innerhalb eines kabarettistischen Programms aus Versehen mit hinein gerutscht, sondern steht exemplarisch für die gesamte Aufführung. Nach der zu Beginn annähernd satirischen Einleitung, bei welcher zehn Minuten lang die Koalition für mangelnde Fremdsprachenkenntnisse des Außenministers und die Adipositas des SPD- Vorsitzenden kritisiert wurden, folgen weitere 80 Minuten mit Witzen und, um es freundlich auszudrücken, weiteren fragwürdigen Sketchen. Man möchte es nicht glauben, wenn man es nicht gesehen hat, aber die Puppenspieler lassen ihre Figuren für die restliche Zeit des sogenannten Kabaretts Witze erzählen, wovon eben einer der bereits zitierte ist. Ein weiteres Beispiel aus diesem Programm wäre der Witz vom schwulen Matrosen, der von den Puppen gespielt sinngemäß in etwa so geht:

„Captain, Captain, wir haben einen schwulen Matrosen an Bord!“ Darauf der Captain: „Sagen Sie mir sofort, um wen es sich handelt!“ worauf der Matrose in gestelzt klingender Sprache entgegnet: „Nur wenn sie mich küssen!“, woraufhin der Captain sich abwendet

Diesmal geht es nicht nur um Sexualität und Sexualmoral, sondern darüber hinaus um das Verlachen einer Gruppe von Menschen über deren Privatleben dabei moralisch gerichtet wird. Dem weibischen und schamlosen Homosexuellen wird kontrastiv der anzunehmend heterosexuelle Kapitän, Symbol der Männlichkeit und Führungsstärke, gegenübergestellt. Diese Identifikationsfigur verurteilt dabei stellvertretend für den Zuschauer die Homosexualität. Die gesamte Szene wird schließlich noch in das stereotype Klischee des homosexuellen Matrosen eingebettet.

Die Augsburger Puppenkiste spielt äußerst fragwürdige Witze nach, verkauft das ganze als Kabarett und verlangt dafür viel Geld von den Zuschauern, die sich dabei teilweise durchaus amüsieren und vor lachen kreischen. Doch abgesehen von einigen harmlosen Nummern, wie die mit dem Delphinlockruf, der statt eines Meeressäugers einen Flipperautomaten anlockt, finden sie nichts so komisch wie die sexuellen Anzüglichkeiten oder nach ähnlichem Muster funktionierende Sketsche, wie den mit dem Kasperle und den Politikern, bei dem Kasperle alle in einen Sack steckt um sie zu verprügeln. Sind doch alle gleich! Alles Lumpen und Verbrecher.

Dieses ist ärgerlich. Noch ärgerlicher wird es schließlich, wenn auf Bayern2 ein Bericht über dieses Spektakel angekündigt wird und man sich freut, da man hofft, dass nun Missstände aufgedeckt werden könnten und kaum glaubt, wie geschickt die Redakteure den Großteil des Programms ignorieren, um von den zehn Minuten des kabarettähnlichen Puppenspiels zu berichten, wenn auch verhalten lobend. Dass dann am 16.2.10 auch noch auf dem Internetauftritt der SZ in der Rubrik Politik diese minderwertige Pseudo-Satire lobend beachtet wird, verstärkt diese Verärgerung noch einmal deutlich. Dass hier Sätze abgedruckt werden wie „“In der AG suchen wir nach Witzen, die die ganze Spielzeit lang passen und trotzdem hohes Niveau haben“, erläutert Puppenspieler Ströbl“, grenzt dabei allerdings an echter Satire, die man leider nur versteht, wenn man selbst die reale Entsprechung kennt, wobei dies wohl leider nicht satirisch gemeint ist.

„Dem Kabarett geht ein guter Ruf voraus“, wird ein Augsburger zitiert. Dies ist wohl tatsächlich wahr, wie auch immer dieser Ruf entstand. Die Medien mit der Aufgabe der Integration der Gemeinschaft in allen Lebensbereichen trägt sicherlich zu einem Ruf bei. Doch sollten sie sich an die nicht nur von Habermas geforderten Richtlinien der Wahrheit und der normativen Richtigkeit halten. Und an dieser Stelle haben sie versagt, indem sie eine einseitige Berichterstattung wählten und sich somit ganz und gar nicht unabhängig und sachkompetent zeigten. Das ist eine Enttäuschung, vor allem, wenn man daraufhin vermuten muss, dass auch mit wichtigeren Themen in ähnlicher Weise verfahren wird. Und das wäre sogar äußerst ärgerlich.

Marginalien zum Gedenken an die Augsburger Bombennacht. Oder: Das Verschwinden der Heimatfront.

Zu den Ambivalenzen des Umgangs der Deutschen mit der Shoa in der Nachkriegszeit gehört, dass die beiden dominanten Formen scheinbar im Widerspruch zueinander standen: Einerseits wollten die Deutschen von der Shoa nichts wissen, machten die Führungselite des NS für ihre Untaten verantwortlich, wählten euphemistische Umschreibungen für Deportation und Massenmord und machten Schuld zum persönlichen Problem derer, die Schuld fühlten. Anderseits suchten die Deutschen ausgehend vom Schuldbekenntnis Wege der Relativierung, Projektion und Rationalisierung. Den scheinbaren Widerspruch von Schuldabwehr und Schuldbekenntnis löst Max Horkheimer mit dem Verweis auf den Charakter des Schuldbekenntnisses:

„Das Schuldbekenntnis nach 45 war ein famoses Verfahren das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Man erklärte nicht: Wir hätten uns mit den Widerständigen solidarisieren sollen, sondern: Wir hatten Angst. Die Anderen sind nicht die Nazis, sondern die Amerikaner und der Widerstand. „Wir“ und die Nazis gehören zusammen.
Selbst noch das „Ich“ stand für das „Wir“. Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte. Der Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv wird eingeebnet, wer ihn bewahrt ist wahrscheinlich ein Kommunist. Wer von sich selbst spricht und die Landleute als „sie“ bezeichnet gilt als Verräter.“

So diente sowohl die Abwehr als auch das Bekenntnis zur Schuld der nationalen Gemeinschaftsbildung. Eingeleitet durch Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes und den Historikerstreit wurde das Bekenntnis zu Auschwitz mit der Rot-Grünen Regierung zur dominanten Form der Erinnerung. Schröder und Fischer ist damit gelungen, was die Konservativen für unmöglich hielten: den positive Bezug auf die deutsche Nation wieder zu ermöglichen. Während die Konservativen dies wollten, dabei aber immer auch auf Auschwitz stießen, machten die Linksnationalen aus der Not eine Tugend: Auschwitz wurde zum negativen Bezugspunkt des nationalen Selbstbewusstseins, das Gerhard Schröder in seiner Rede zum 60. Jahrestag der deutschen Niederlage auf den Punkt brachte: „Wir wissen um unsere Verantwortung für die Geschichte, und wir nehmen sie ernst. Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus ist Teil unserer Identität geworden. Und sie ist eine bleibende moralische Verpflichtung“ (Schröder 2005).

Alle Jahre wieder
Es ist das Jahr 2010 und Augsburg ist zum wiederholten Mal Schauplatz einer skurrilen Veranstaltung. Nachdem 2007 der Aufmarsch von Nazis zum Gedenken an den von ihnen als „Bombenholocaust“ bezeichneten Angriff alliierter Bomber auf Augsburg am 25./26. Februar 1944 noch ignoriert wurde, hatten sich 2008 verschiedene Gruppierungen zum Protest gegen den Aufmarsch zusammen geschlossen. Nachdem die alljährlichen städtischen Versuche den Aufmarsch zu verbieten gerichtlich aufgehoben wurden, ist der Protest spätestens seit 2009 ein Volksfest, das verrät, wie es um die Erinnerungskultur in Deutschland steht.

So lässt sich vorab der Ablauf des Aufmarsches und des Protests genau umreißen: 100-200 Nazis werden aus dem Süddeutschen Raum zusammenkommen und werden sich möglichst unerkannt – um nicht auf die Fresse zu bekommen – zum Sammelpunkt der Demo begeben. Die Demonstration wird von einer Hundertschaft der Polizei begleitet, die dafür Sorge tragen wird, dass die Demonstration ohne Störungen stattfinden kann. Entlang der Demoroute werden Demonstranten stehen, die Nazis ausbuhen und beschimpfen, Antifas werden sich mit den Cops rempeln und mit großer Wahrscheinlichkeit wird einer oder eine einfahren: Möglicherweise wegen des Werfens von faulem Obst. Währenddessen werden die Gegendemonstration und das bunte Treiben auf dem Rathausplatz noch friedlicher und störungsfreier ablaufen als die Nazidemo. Soweit so gut.

Hat man die Bilder der Pogrome von Rostock, Hoyerwerda u.a. nach der Wiedervereinigung vor Augen, die Bürger, die den Fernsehteams zu Protokoll gaben, dass die, denen dort von dem deutschen Mob nach dem Leben getrachtet wurde, keine Menschen sondern Schmarotzer sind und ruf man sich ins Bewusstsein, dass seit der Wende ca. 100 Menschen Opfer rassistische Morde wurden, ließen sich die Augsburger Proteste als begrüßenswertes antifaschistisches Bekenntnis begreifen. Nur ist es so leicht nicht.

Getragen und aktiv unterstützt werden die Gegenveranstaltungen in diesem Jahr von den Parteien im Augsburger Stadtrat, Bündnis für Menschenwürde e.V., Evangelisches Jugendwerk, Stadtjugendring Augsburg, Deutsch-Israelische Gesellschaft, DGB Augsburg, City Initiative Augsburg e.V., GEW Augsburg, Fan-Projekt Augsburg, Friedensbüro der Stadt Augsburg, Integrationsbeirat Augsburg, dem Theater Augsburg, Tür an Tür e.V., VVN-BdA Augsburg, Bayerisches Bündnis für Toleranz. Der Oberbürgermeister Kurt Gribl ruft die Bürger zur Teilnahme an den Gegenveranstaltungen auf: „Wir müssen aktiv werden und deutlich machen, dass Augsburg kein Ort extremer politischer Agitation ist. Mit dem Aktionstag ‚Vielfalt in der Friedensstadt’ auf dem Rathausplatz und weiteren Plätzen in der Innenstadt wollen wir dafür ein Zeichen setzen“. Die Gegenveranstaltungen umfassen ein buntes Programm: von Hip-Hop-Crews und Rockbands über die Ansprachen von Geistlichen, einer Lesung aus dem Tagebuch von Anne Frank bis zur Performance der Grünen, die als Müllkehrer verkleidet den geistigen Müll der Nazis aus der Stadt kehren wollen, ist für jeden etwas geboten.

Dem geschäftigen Treiben entspricht eine Rhetorik, die den Charakter des Protest offenbart: Der panischen 5-vor-12-Rettet-die-Demokratie-vor-den-Nazis-Rede entsprechend beginnt die Gegendemonstration am Katzenstadel um – trara: 5 vor 12. Um zu legitimieren, weshalb für 150 Nasen ein solcher Aufwand betrieben wird, warnt die Linke: „Die NPD und die mit ihr verbundenen Freien Kameradschaften haben mit ihrer Strategie der Erringung kultureller Hegemonie immer mehr Erfolge in Dörfern, Städten und ganzen Regionen, auch in Augsburg!“ Übertroffen wird dies nur noch von der Antifa , in deren Flyer es heißt: „Die Schuld am zerstörten Augsburg und am Leid vieler AugsburgerInnen (!) soll den Briten zugeschoben werden, von den eigenen Verbrechen wird abgelenkt und das rechtsextremistische Milieu soll als die Kraft dargestellt werden, die sich schützend um die deutsche Bevölkerung kümmert. Aufmärsche dieser Art nutzen die Nazis, um erneut an gesellschaftlichem Einfluss zu gewinnen. Das darf nicht sein! Rechtsextremistische Geschichtsverfälschung und Charmeoffensiven dürfen nicht geduldet werden!“ Und bei der VVN heißt es: „Augsburgerinnen und Augsburger, wehrt Euch!“.

Aber auch der alarmistische Ton und die Ausrufezeichen ändern nichts daran, dass die Aufmärsche in Augsburg mit oder ohne Gegenproteste den Nazis nicht nützen und die Neonazi-Subkultur soviel Charme versprüht, dass noch nicht einmal Dorfjugendliche, die für jeden autoritären Mist zu haben sind, offen Nazis sein wollen. Genauso unsinnig ist, dass die Nazis bei ihrem Kampf um kulturelle Hegemonie immer mehr Erfolge haben. Vielmehr sind diese bei Jugendlichen, anders als nach der Wende, alles andere als angesagt.

Die Frage muss also lauten, woher der panische und alarmistische Ton rührt. Die Antwort ist im Bedürfnis des narzistische gekränkten Subjekts zu suchen, das sich nach Tradition und Heimat sehnt: das kuscheln möchte.

„Lieber ein Land der Täter als gar keine nationale Kuschelecke“
(Eike Geisel)

Und wo auch immer gekuschelt werden wird, es wird eng. Denn nicht nur alle Parteien im Stadtrat und deren Vertreter hören auf Parteimitglieder zu sein und werden zu Augschburgern. Nicht nur die diversen zivilgesellschaftlichen und linken Vereine werden kuscheln. Kuscheln werden auch die Opfer der Bombenangriffe. Im gemeinsamen Aufruf heißt es:
„Wir gedenken aller Opfer des Nationalsozialismus, zu denen auch die Toten des von Deutschland begonnenen Krieges gehören. Dazu zählen die Toten und Verletzten der allierten (sic!) Luftangriffe auf Augsburg. Die schwersten Bombenangriffe am 25. und 26. Februar 1944 kosteten über 700 Menschen, davon ca. 250 KZ-Häftlingen, das Leben und zerstörten große Teile der Augsburger Innenstadt.“

Einerseits sollen die Bombenangriffe auf den Angriffskrieg der Deutschen zurückgeführt werden. Gribl betonte in seiner Rede zum Jahrestag des Luftangriffs auf Augsburg 2009, „dass es ohne 1933 die Bombennächte nicht gegeben hätte“. Anderseits sollen diejenigen die umgekommen sind Opfer sein, Opfer der Deutschen. So werden aus den Frauen und Männern der Heimatfront, die Opfer Hitlers. Dieser Geschichtsrevisionismus wird von allen offiziell unterstützenden Parteien und Vereinen und darüber hinaus getragen. Von der CSU bis zur VVN.

Und damit sind wir bei den einleitenden Ausführungen zum Gedenken. Denn auch in Augsburg kommt zusammen, was nur scheinbar nicht zusammen geht. Einerseits wird die Heimatfront betrauert und zum Opfer Hitlers, anderseits wird die Schuld Deutschlands für den Krieg eingestanden. So wird zugleich Tradition bewahrt und Identität gestiftet im positiven Bezug auf Augsburg, wie im Eingeständnis der Schuld. Kein Wunder also, dass im Aufruf von einem wir die Rede ist, in das der Einzelne sich einreihen darf:
„Wir sind stolz auf unser weltoffenes und tolerantes Augsburg. Hetze gegen Ausländer, Migranten, Minderheiten hat bei uns keinen Platz. Wir leben Demokratie. Wir verteidigen unsere Staatsform und ihre Grundwerte, die uns seit über sechzig Jahren ein Leben in Frieden, Freiheit und Stabilität bescheren.“
Unsere Staatsform? 60 Jahre Freiheit? Und Stabilität? Stolz auf Augsburg?

„Der Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv wird eingeebnet“ heißt es in den Notizen von Horkheimer, „wer ihn bewahrt ist wahrscheinlich ein Kommunist.“

Stimmt.

** modus: duale erniedrigung *

bier
I know it won’t be ok: das Anti-Sixpack aus Bier und Kaffee

(mh; „…“) verachtung und erniedrigung gehen seit jeher einen engen gemeinsamen weg, wenn es darum geht, möglichst radikal und wirksam gegen soziale oder kulturelle errungenschaften vorzugehen. eigentlich ist es gänzlich unmöglich das eine ohne das andere auszusprechen oder auch nur zu denken. abstufungen mag es hierbei nur bezüglich des betreffenden objektes und der intensität geben. geht es um physische vernichtung, im zuge weit verbreiteter sozial-pathogener phobie gegen „anderes“ und „andere“, sind dabei die klassischen mittel des brandsatzes und der einwirkung von stumpfer gewalt nicht fern.
es geht allerdings auch unberechenbarer und feingliedriger, im sinne einer doppelten strategie: zwei objekte auf augenhöhe gegeneinander ausspielen und dabei diesen vorgang in all seiner perversion unter dem deckmantel des klassisch modernen und marktwirtschaftlichen mantras des „anything can go“ bzw. „wo ein markt – da ein produkt“ abparken und als grandiose erweiterung einer bestehenden produktpalette verkünden. die halsschlagader zeigt den rapide steigenden puls an, die hand ballt sich zu faust und das kniegelenk ist willens den fuss samt des daran befestigten stiefels in das warensortiement zu jagen. auch gewinnt die option des öffentliche blosstellenes deutlich an berechtigung, muss doch jenes wirtschaftliche credo in den markt eine individuelle ensprechung in irgendeinem traurigen leben haben, geführt zwischen solarium, fitnessbude, großraumdisko und geschmacksverstärkern: wer kauft diese scheisse, wie sieht so ein verfluchter konsument aus?
es ist die selbstverständlichkeit der verachtung und erniedrigung zweier hoher kultureller erungeschaften sowie die zufälligkeit des auffindens, die einem hierbei die furcht den rücken hochtreibt. zu was sind lebensmittelchemiker ausserdem noch fähig? zu was stiftet die beliebigkeit einer gesellschaft diese wahnsinnigen sonst noch an?

…………………………………………………………………….………….„My generation sucks!“
Turbonegro // Hobbit Motherfuckers