Archiv der Kategorie 'Fundstücke'

Sehr geehrter Herr Peter Rosenthal,

wir sind sehr neidisch. So wie wir gerne Microsoft gegründet und den Kommunismus erfunden hätten, so gerne wären wir auf die Idee gekommen, den potentiellen Erfolg von Automobilen und also deren Design nicht mehr nach dem Prinzip Hoffnung und durch Marktumfragen vorab zu messen, sondern durch objektivierbare Schönheitskriterien. Aber wie soll das gehen? Der F.A.Z. haben Sie es verraten:

„Gibt es zum Beispiel eine Stereoanlage, eine Lampe oder eine Schrankwand, der man ein Lächeln zuschreibt oder von der man behauptet, sie habe kräftige Schultern oder ein knackiges Hinterteil?“

Nein, aber bei Autos machen Menschen das, weshalb Sie auf die geniale Idee gekommen sind die humane Attraktivitätsforschung in ihre Theorie zu integrieren, 71 Schönheitsaspekte von Autos zu entwickeln und Simsalabim, war die automobile Physiognomie geboren. Dass die auf dieser Grundlage getroffenen Prognosen zu 85 Prozent richtig sind und damit andere konventionelle Prognoseformen um Längen schlagen, hätten wir nicht geglaubt, wenn es nicht notariell bezeugt wäre.

Gefreut haben wir uns auch, dass die F.A.Z. Ihrer Erfindung eine ganze Seite gewidmet und diese mit drei Bildpaaren geschmückt hat: Das erste zeigt einen Mini Cooper und ein Baby, da die Physiognomie des Mini der des Babys gleicht bzw. andersrum, das war uns nicht so ganz klar. Die Bildpaare zwei und drei zeigen einmal den neuen Ford Fiesta, der ihrer Prognose folgend hübsch ist, weshalb er auch nebst dem Gesicht eines hübschen jungen Mannes zu finden ist, und den Toyota Auris, dessen Physiognomie irgendwie nicht so toll ist und der also ein eher hässliches Gesicht als menschliches Äquivalent verpasst bekommen hat.

Bei all der Begeisterung für ihre nüchternen Ausführungen zur Menschwerdung der Technik, geht uns eine Frage nicht aus dem Kopf: Wie muss ein Auto aussehen, dass nach dieser Physiognomie gebildet wurde?

Technisch interessiert und mit freundlichem Gruss verbleibt
Offensive Selbstverteidigung

„Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“

Am 20. April wird der Roman „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“ der Schriftstellerin Frieda Norka in einem zu ihr passenden unbedeutenden Verlag veröffentlicht, der sich dem Thema schulischer Gewalt widmet. Ein Mann, vormals der Klassendepp, beschreibt dort in der Ich-Perspektive, warum er plant auf einem Klassentreffen seine ehemaligen Peiniger zu ermorden. Die vorab veröffentlichten Auszüge belegen die Qualität der Veröffentlichung:

Schwer atmend, steif und gekrümmt, wie eine im Bauch von Gift zerfressene Ratte, welche kurz davor ist, die letzten Zuckungen von sich zu geben, sitze ich zu Tisch, den Geschmack von leicht angebranntem Schmelzkäse noch frisch im Mund.
Ob es (sic!) unten bleibt? Oder nach oben drängen wird? Vom Rausch in den Ohren akustisch begleitet? (…)
In … mir … haust … der .. Holocaust.

Wie nun? Wird die Ratte vom Gift in dem Bauch zerfressen, in dem sie sich befindet oder wird der Bauch der Ratte zerfressen, vom Gift das sich in diesem befindet. Kann man Schmelzkäse braten? Oder ist angebratener, geschmolzener Käse gemeint. Und Käse ist maskulin, es müsste also heißen: „Ob er unten bleibt ?“, nicht: „Ob es unten bleibt ?“. Zudem gibt es keinen Rausch in den Ohren, allenfalls ein Rauschen in selbigen.

Freilich ließe sich das unter literarischer Freiheit verbuchen und wäre kein Wort, geschweige denn eine Zeile wert, wenn der Roman nicht den Beweis dafür antreten würde, dass die ständige Beredung des Holocaust zu dessen Trivialisierung führt. Der Vergleich mit dem Holocaust und die Charakterisierung einer Schule, in der Schüler gemobbt und missbraucht werden, als KZ ist beliebig und gleichsam konsequent. Das KZ soll für das Schlimmste stehen und wird gerade dadurch zur beliebigen und leeren Metapher.

** modus: duale erniedrigung *

bier
I know it won’t be ok: das Anti-Sixpack aus Bier und Kaffee

(mh; „…“) verachtung und erniedrigung gehen seit jeher einen engen gemeinsamen weg, wenn es darum geht, möglichst radikal und wirksam gegen soziale oder kulturelle errungenschaften vorzugehen. eigentlich ist es gänzlich unmöglich das eine ohne das andere auszusprechen oder auch nur zu denken. abstufungen mag es hierbei nur bezüglich des betreffenden objektes und der intensität geben. geht es um physische vernichtung, im zuge weit verbreiteter sozial-pathogener phobie gegen „anderes“ und „andere“, sind dabei die klassischen mittel des brandsatzes und der einwirkung von stumpfer gewalt nicht fern.
es geht allerdings auch unberechenbarer und feingliedriger, im sinne einer doppelten strategie: zwei objekte auf augenhöhe gegeneinander ausspielen und dabei diesen vorgang in all seiner perversion unter dem deckmantel des klassisch modernen und marktwirtschaftlichen mantras des „anything can go“ bzw. „wo ein markt – da ein produkt“ abparken und als grandiose erweiterung einer bestehenden produktpalette verkünden. die halsschlagader zeigt den rapide steigenden puls an, die hand ballt sich zu faust und das kniegelenk ist willens den fuss samt des daran befestigten stiefels in das warensortiement zu jagen. auch gewinnt die option des öffentliche blosstellenes deutlich an berechtigung, muss doch jenes wirtschaftliche credo in den markt eine individuelle ensprechung in irgendeinem traurigen leben haben, geführt zwischen solarium, fitnessbude, großraumdisko und geschmacksverstärkern: wer kauft diese scheisse, wie sieht so ein verfluchter konsument aus?
es ist die selbstverständlichkeit der verachtung und erniedrigung zweier hoher kultureller erungeschaften sowie die zufälligkeit des auffindens, die einem hierbei die furcht den rücken hochtreibt. zu was sind lebensmittelchemiker ausserdem noch fähig? zu was stiftet die beliebigkeit einer gesellschaft diese wahnsinnigen sonst noch an?

…………………………………………………………………….………….„My generation sucks!“
Turbonegro // Hobbit Motherfuckers

Studentengedanken

Muss man Artikel in Studentenmagazinen kommentieren, wo diese kaum gelesen werden? Muss man, wo die meisten die dort schreiben, nie professionell schreiben werden? Ja, muss man. Weil sich an ihnen ablesen lässt, was heute möglich ist und morgen möglich sein wird. Gute Beispiele dafür liefert das auflagenstärkste bayerische Studimagazin presstige, das mit bunten Bildern, schickem Layout und kurzen hippen Texten aufwartet.

In der Sommerausgabe 2009 führt Kele Shabani vor, was man schreiben kann, ohne, dass der Chefredakteur – den das Blatt immerhin hat – einschreitet oder Leser sich beschweren. In ihrem Artikel klagt sie über die offensichtliche Differenz von Studierenden und deren Selbstcharakterisierung in Internetnetzwerken. Beispielhaft wird ein Jurastudent abgewatscht, der es wagt seine politischen Ansichten als Mitte-Links zu bezeichnen, obwohl er lange bei der JU war. Zudem – und damit sind wir beim Punkt – ist der Besagte ein Freund Israels. Und was machen Freunde Israels? Richtig, sie machen Kritiker mundtot. Und wie machen sie das, nach Meister Walser? Mit der Antisemitismuskeule? Shabani fährt stärkere Geschütze auf: „Auf jeden Kritiker haut er [der Jurastudent] die Antisemitismus-Todeskeule.“ Gelogen ist, dass in Deutschland ausgegrenzt wird, dass einen gesellschaftlichen Tod stirbt, wer Israel kritisiert und als Antisemit bezeichnet wird, wo noch jeder sich vom Vorwurf hierzulande befreien kann, wenn er auf jüdische Freunde oder Juden verweist, die so denken wie er.

Ähnlich unerträglichen Unsinn bringt Wiebke Henke zu Papier, die in ihrem Artikel über die Geschichte Augsburgs zeigen will, wie wichtig Augsburg einmal war. Die Zwischenüberschrift „Von schlauen Köpfen und Bomben“ in der etwas holprig der Übergang von den 1890er Jahren zum 20. Jahrhundert vollzogen wird, lässt erahnen, was kommt, wenn die Phrase von „ der dunkleren neueren Geschichte“ verwandt wird. Wer nun aber denkt, dass abgedroschene Phrasen über den Nationalsozialismus nur schwer zu ertragen sind, der wird hier eines besseren belehrt: „ In unserer schönen Stadt spielte sich auch ein Teil der dunklen neueren Geschichte Deutschlands ab: Augsburg war eine geheime Basis der ersten RAF-Generation“, etc. pp. Dass der NS nicht erwähnt wird, ist geschenkt. Dass „das dunkle Kapitel“ aufgelöst wird in „der dunklen neueren Geschichte, in der nach Belieben alles vom NS bis zum Waldsterben seinen Platz finden und dass Henke gerade die RAF auswählt um der dunklen Geschichte ein Gesicht zu geben, das ist doch eine beachtliche journalistische Leistung; vergleichbar der Erfindung der Antisemitismus-Todeskeule ein paar Seiten vorher.

In guter Gesellschaft…

Es gibt ja bekanntlich verdammt viele Wikipedia-Doubles, z.B. „Anarchopedia“ ,“Kamelopedia“ oder auch „Jedipedia“. Jetzt gibt es anscheinend ein neues Projekt namens „Metapedia“. Diese Seite fällt zuerst einmal durch einen widerlichen Antisemitismus und zum Teil amüsante Formulierungen wie „Swinemünde ist eine deutsche Stadt, die seit 1945 unter polnischer Herschafft(sic!) steht. Die Polen gaben ihr den vorübergehenden Namen ‚Świnoujście‘“. Aber genauso wie im echten Wikipedia gibt es auch hier wieder tolle Listen, wie z.B. die „Liste der jüdischen Persönlichkeiten“, „Liste der germanischen Stämme“ oder eben die „Liste deutscher Musikgruppen“.