Archiv für Februar 2011

Marginalien zum Gedenken an die Augsburger Bombennacht. Oder: Die Anthropologisierung des Nationalsozialismus.

Die Innenstadt ein Flammenmeer – 730 Menschen sterben – 1335 verletzt – jedes vierte Haus zerstört – Hinter den Zahlen stehen Menschen – viele tragen dieses Leid heute bis heute mit sich.
Einerseits.

Anderseits, so Gribl in seiner Eröffnungsrede der Gedenkveranstaltung am 25. Februar 2011, dürfe man nicht vergessen, dass ab 1933 Menschen für ihre Überzeugungen eingesperrt und umgebracht wurden, dass 1938 die Augsburger Synagoge brannte, dass der Krieg Leid über die Völker Europas brachte, bevor er nach Deutschland und Augsburg heimkehrte.

Wie passt das nun zusammen? Wie passt zusammen, den Opfern der Deutschen zu gedenken und den Deutschen? Über das „wir“. Über den, der auch dann lieber Teil des Kollektivs als Individuum ist, wenn es das Kollektiv der Täter ist, das zuerst in der Tat und später im Einverständnis der Schuld zusammenfand.

Gribls Rede war kaum von der der Vorjahre zu unterscheiden. Und so fiel es dem Gastredner Robert Domes zu, den erinnerungspolitischen Eiertanz auf ein neues Niveau zu heben.

Geschichte wiederholt sich nie. Gedenkreden schon.
Wie 2009 und 2010 geht der Rede des Oberbürgermeister Kurt Gribl 2011 die Frage voran: „Wie konnte dies geschehen?“.

Die Antwort der beiden letzten Jahre lautete: Alle Opfer
Die Augsburger sind Opfer des Krieges. Der Krieg aber ging von Deutschland aus. Also von den Nazis. Damit sind die toten Augsburger Opfer der Nazis.

2011 lautet sie: Alle Täter
Die Stadt hat sich einen Redner ausgesucht, der es schafft, den Widerspruch zwischen Opfern und Tätern, zwischen der Unmöglichkeit beiden zugleich zu gedenken, zu kitten. Während Erinnerungspolitik im Allgemeinen von Reden des Bundespräsidenten sich im Laufe von Jahren ihren Weg zur bayrischen Provinz bahnt, antizipiert die Rede von Robert Domes eine Entwicklung, die erst in den nächsten Jahren sich durchsetzen wird: die Anthropologisierung der Tat.

Die anschauliche, zu anschauliche Antwort auf die Frage, wie der Nationalsozialismus möglich war, macht Domes in seiner Rede an Nähe und Distanz der Täter zu ihren Opfern fest. (1) Vorurteile würden vor allem dort gedeien, wo Menschen Distanz zueinander wahren. Begegnung hingegen mache die Erfahrung möglich, dass Vorurteile falsch sind. (2) Die Tötung von Menschen werde dadurch erleichtert, dass Befehlsgeber und –ausführer keine Personalunion bilden. Zudem (3) entspreche die Entwicklung modernen Waffentechnologie der Delegation von Verantwortung an übergeordnete Autoritäten, weil heute kein Soldat mehr den Objekten seiner Gewalt in die Augen sehen müsse.

Und der Mann hat Recht, weil er auf allgemeine Tendenzen moderner Gesellschaften hinweist, in denen Bürokratien sich gegen Menschen verselbstständigen und mündige Individuen auf Funktionen reduziert werden.

Anthropologie statt Ideologiekritik
Und trotzdem liegt er falsch. Weil ihm die allgemeinen Tendenzen hinreichende Gründe für den Nationalsozialismus sind, keine notwendigen Voraussetzungen. Und so wird alles eins und alles falsch: Die richtige Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Deutschen sechs Millionen Juden, Sinti und Roma, Behinderte und andere Unter- und Nebenmenschen umbrachten, wird aufgelöst im Allgemeinen, das wir alle sind. Wir alle sind gierig, wir alle sind eitel. Deshalb sind wir verführbar. Und aufgrund dieser anthropologischen Prägung taten die Deutschen, was sie taten.

Allen Ernstes und ohne Widerspruch frägt Domes:

Was muss passieren, dass Menschen in Bombern über Augsburg Bomben abwerfen? Was muss passieren, damit Menschen andere zu Tode spritzen und vergasen?

Die berechtigte Frage nach den Voraussetzungen des Ungeheuerlichen wird zur Entschuldigung der Täter. Denn wenn alle schlecht sind, wenn es keinen Unterschied zwischen der Aktion T 4 und der Big Week mehr gibt, wenn alle Täter sind, dann sind die Verbrechen der Deutschen nur allzu menschlich.

Und damit schließt sich der Kreis: Dass die Stadt Augsburg weder den Opfern gedenkt, die in Augsburger Konzentrationslagern (die mit dem Euphemismus Außenlager bezeichnet sind) ermordet wurden, noch den Augsburgern, die aus der Gemeinschaft der Deutschen ausgeschlossen und umgebracht wurde, sondern der Bombardierung, die das Ende des Nationalsozialismus praktisch herbeiführte und versinnbildlicht, ergibt wieder Sinn. Wenn es keinen qualitativen Unterschied hinsichtlich der Motivation und ideologischen Rechtfertigung der Tat mehr gibt und alle ohne Überzeugung und aus Autoritätshörigkeit morden, dann sind auch die Deutschen entschuldigt. Wie alle anderen sind sie Menschen. Und als solche eben verführbar.