Archiv für September 2010

Geschichte als lokale Währung

Stadtwerke III
Gedenktafel für Augsburgs Befreier am Gebäude der Stadtwerke in der Augsburger Innenstadt

Wie unkompliziert der Prozess des Erinnerns und Erinnertwerdens doch scheinbar sein kann. Man schließt am besten die Augen, stellt sich das Objekt der Erinnerung verträumt vor und heftet ihm zunächst die unterschiedlichsten Facetten und Eigenschaften an, gerade soviel, dass dabei weder die eigene Vorstellungskraft, noch die von anderen Teilnehmern einer derartigen Aktion allzu sehr strapaziert wird. Was dann im Falle einer spezifisch lokalpatriotischen Aufgabenstellung natürlich zu folgen hat, ist: Anschlussfähigkeit herstellen, und zwar möglichst robust. Heimat, in ihr konstruierte Geborgenheit, allgemeine Vergewisserung von überregionaler Relevanz der direkten Lebensumgebung und klare Sprache sind bei derartigen Manövern natürlich nützlich. Geradezu unumgänglich werden sie jedoch vor allem dann, wenn es um Erinnerungen an die dunkle Nazizeit geht. Problematisch wird es spätestens dann, wenn das alles zu einer Orgie im öffentlichen Raum ausufert.
Gemessen am Grad der unglaublichen inhaltlichen Anmaßung und Verzerrung historischer Zusammenhänge, befindet sich die „Friedensstadt Augsburg“ seit Ende April 2010 definitiv in orgastischen Zuständen.
Scheinbar mustergültig wurden von Stadtrat und Bürgermeister a.D. Theo Gandenheimer, sowie des Vereins Amerika in Augsburg die Abfolge erinnerungspolitischer To-Dos befolgt, als auf ihre Initiative hin jene Gedenktafel realisiert wurde, die seit dem 28. April 2010 die Fassade der Augsburger Stadtwerke am Hohen Weg ziert. Nicht an irgendeiner beliebigen Stelle, schließlich klärt das mit dem Augsburger Wappen bestückte Trum doch darüber auf, dass:

„Hier […] am 28.April 1945 die 3.US-Infanterie-Division mit Hilfe der Augsburger Freiheitsbewegung die Stadt von der Herrschaft des NS-Regimes [befreite].“ Somit „ blieb Augsburg vor weiterer Zerstörung bewahrt“.

Nähert man sich zunächst einmal rückwärts dieser Inschrift, so fällt bereits auf, wer da scheinbar für die weitere Zerstörung der „Schwabenmetropole“ die Hauptverantwortung zu tragen gehabt hätte und nur durch beherztes Eingreifen bzw. „Helfen“ in seinem Zerstörungswahn gestoppt werden konnte. Zerstörung des eigenen Lebensraums zwischen Lech und Wertach? Das wollte und konnte sich die „Augsburger Freiheitsbewegung“ nicht bieten lassen. Die Amerikanischen Streitkräfte mussten erst einmal gestoppt werden. Es gelang, Schlimmeres zu verhindern. Damit bleibt lediglich die US-Army als zunächst böse, dann befreundet handelnder Akteur erkennbar, dem „weitere Zerstörung“ anzurechnen gewesen wäre. Sprachlich zeigt sich dieser Schritt auch im Profil des Vereins, indem „den“ Amerikanern scheinbar eine Entwicklung hin zum Guten attestiert wird, nämlich von „Besatzer[n] [hin] zur befreundeten Nation“. Als wäre durch Erziehungsarbeit, aus einer unangenehm feindlichen Bestie ein angenehmer Zeitgenosse geworden, der einem immer großzügig Kaugummi gegeben hat.

Dass durch diese argumentative Richtung jegliche Bezugnahme auf die tatsächliche Kausalität des Zweiten Weltkrieges (Deutschland entscheidet sich arischen Lebensraum durch industrielle Vernichtung generieren zu müssen) grundlegend verstellt bleibt und die letztlich unmittelbar möglich gewordene Zerstörung „Augsburger Lebensraums“ ausschließlich den späteren „Besatzern“ zugesprochen wird, schnürt einem doch sehr schnell den Hals zu. So ist es weiterhin nur folgerichtig, dass die Tafel in ihrer wertfreien und völkerrechtlich geschwängerten Sprache, den deutschen Vernichtungsapparat zu einem scheinbar konturlosen und inhaltsleeren „Etwas“ degradiert. Das „NS-Regime“, das sich aus dem Weltall auf den Staat und die Stadt gestürzt hatte, verzog sich, so wie es gekommen war auf Nicht-Mehr-Wiedersehen zurück an einen unbekannten Ort. Der „Augsburger Freiheitsbewegung“ sei Dank, alleine hätten das die amerikanischen Streitkräfte wahrscheinlich nur schwer bewerkstelligt. Gerade diese vermeintlich notwendig gewordene Hilfestellung lokaler „Friedensgrößen“ und deren Konstruktion als angeblich unabkömmliche Akteure in der Geschichte treiben einem dann endgültig die verständnislose Wut in den Kopf. Wie unbedarft und offensichtlich stumpf kann eine Stadt mit eigener Geschichte umgehen und im öffentlichen Raum derartig lauwarme, gruslige Anker geschichtlicher Konstruktion platzieren?

Als kurzer Einblick in die historischen Umstände sei erwähnt: Im Zusammenschluss, als die amerikanischen Streitkräfte bereits unmittelbar vor Augsburg standen (!), bewirkten tiefenüberzeugte Freiheitsgeister lediglich, dass die GIs direkt an die Stelle geführt wurden, an der heute jene Plakette thront und sich damals der Kommandobunker befand. Sache erledigt, Gewalt über die Stadt übergeben! Durch die limitierte Sprache der aktuellen Tafel verwischt sich nun dieser simple, gemeinschaftliche Vorgang in seiner begrenzten Bedeutung absolut, und soll – alleine schon durch die Terminologie der „…bewegung“ – als organisierte und v.a. dauerhafte Bewegung verkauft werden, die ebenso als militante Fundamentalopposition zum Nazisystem verstanden werden soll. Als hätte es zum damaligen Zeitpunkt noch eine andere Option gegeben, außer der bedingungslosen Aufgabe. Die alliierten Flugblätter über der Stadt (Auszug: „Erspart eurer alten Stadt und ihren Bewohnern den Regen von Stahl, der Augsburg zu vernichten droht“) drücken unmissverständlich die tatsächliche Situation aus, in der sich die „Freiheitsbewegung“ entschied, zur Tat zu schreiten: Es gab schlichtweg keine andere Wahl, als die Kapitulation einzuleiten. Und nichts anderes ist geschehen. Nicht mehr, und nicht weniger.

In einer absoluten „Nullsituation“, also einem Zustand ohne Kenntnis jedweder historischer Umstände, transportiert die Tafel jedoch unweigerlich Assoziationen mit sich, die die „Augsburger Freiheitsbewegung“ zum einen als Akteur „auf Augenhöhe“ mit den amerikanischen Streitkräften in der Geschichte platzieren soll und zum anderen in eine Reihe stellen soll, mit den organisierten und v.a. aktiv gegen deutsche Truppen kämpfenden Partisanen- und Widerstandsbewegungen aus Frankreich, Italien und dem Balkan, bis hin nach Warschau und Weißrussland. Schließlich wurde ja auch in Augsburg letztlich „befreit“, irgendeine Schnittmenge wird es da schon geben. Dass in Augsburg jedoch eben Nichts und wieder Nichts gegen das Nazisystem direkt gerichtet wurde, sondern sich jene „Bewegung“ erst dann zusammentat, als sowieso schon alles zu spät war und die Amerikanischen Streitkräfte bei Steppach und Westheim waren, verdeutlicht gleichzeitig die Anmaßung von der diese Tafel getrieben ist. So ist es auch mehr als nur bezeichnend, dass jene Mitglieder der „Freiheitsbewegung“ nicht mit den weiter vorrückenden amerikanischen Streitkräften dafür sorgten, dass die Stadt tatsächlich befreit wurde. Die „kostbare“ Innenstadt war ja verschont geblieben, da konnten die GIs genauso gut auch alleine über den Lech und die Friedbergerstraße entlang ziehen und sich in wenigen direkten Feuergefechten mit verbleibenden Krauts auseinander setzen. Das tatsächliche Risiko fürs eigene Leben und die Bereitschaft die „Drecksarbeit“ zu erledigen, sollten doch bitteschön andere mitbringen.

Doch es geht noch selbstentlarvender: Der Verein „Amerika in Augsburg“ verzeichnet auf seiner Homepage [Wenn nicht anders gekennzeichnet, sind alle folgenden Zitat dieser Homepage entnommen] nicht nur den „harten Kern“ der „Augsburger Freiheitsbewegung“, sondern macht des Weiteren auch noch einen damaligen Dunstkreis jener „Männer mit gesundem Menschenverstand“ aus, die zwar nicht direkt beteiligt gewesen waren, sondern einfach „im rechten Augenblick das entscheidend Richtige taten.“ Die Stimmung war scheinbar nicht unbedingt gut, toll dass sich da ein paar örtliche Honoratioren dazu bereit erklärt haben, die allgemeine Stimmung zu heben. Geschenkt, dass es sich hierbei natürlich primär um das alte Establishment handelt, also Kirchenleute, Ärzte und Rechtsanwälte. Aber dass auch der damalige Oberbürgermeister Josef Mayr in diesen Dunstkreis gerechnet wird, rundet die Ekelhaftigkeit der erinnerungspolitischen Tafel bei den Stadtwerken ab und schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Josef Mayr, NSDAP-Mitglied seit 1922 (!), Freikorpsmitglied und zweimaliger Frontkämpfer während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister 1934 – 1945, ein Nazi der ersten Stunde, erfährt so also durch den Verein „Amerika in Augsburg“ seine späte Reinwaschung und wird mit dieser Tafel indirekt im Stadtbild verankert. Gleichzeitig lässt sich hiermit die Selbstrelativierung der ganzen Tafel wohl am besten greifen: Wenn also selbst der lokale Obernazi, der darüber hinaus auch noch als Gauschatzmeister und Gaupropagandaleiter des Gaus Schwaben mit dem System verzahnt war, den damaligen „Freiheitsbewegten“ zugerechnet werden kann, dann ist Alles Nichts und Nichts ist Alles. Jegliche Darstellung der damaligen Zusammenhänge und ihrer Akteure auch nur in die Nähe von tatsächlichem Widerstand zu rücken – und genau das tut diese Tafel – mündet unweigerlich in einer ekelhaften und ungerechtfertigten Aufrüstung aus lokalpatriotischer Besinnungslosigkeit. Die Furcht vor der Zerstörung der eigenen „schönen Heimat“ und ihre heutige Besinnung darauf, erscheint damit nicht nur inhaltsleerer denn je, sondern auch als bedenkenswert manipulativ.
Wenn dies die Überreste der lokalen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und das Nationalsozialistische Deutschland sein sollen, die im Augsburger Stadtbild – Metall auf Mauerwerk – verewigt bleiben, dann Gute Nacht.

m. herbst