Bankrott.

Es sei dahingestellt, ob es ein Glück ist, wenn jene, die man erdolchen möchte, einem ins Messer springen. Judith Butler hat dies getan; mit Anlauf.

Nachdem Butler im Juli 2010 einen Preis für Zivilcourage ablehnte, der ihr auf dem CSD verliehen werden sollte, nahm sie im Interview mit der Jungle World Stellung zur Kritik an ihrer Person und unterstrich mit ihren Argumenten noch einmal, wohin eine heideggersche Theorie führt, die keine Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung kennt und daher notwendig keinen Begriff von Wahrheit, Freiheit, Ideologie und Antisemitismus hat: in die Beliebigkeit individueller, entindividualisierter Standpunkte und in der Konsequenz zur Gleichgültigkeit gegenüber antisemitischen Mörderbanden. Konfrontiert mit der Frage, warum sie Hamas und Hisbollah 2006 als Teile der „global left“ bezeichnet hat, antwortet sie:

„Als Antwort auf eine Frage aus dem Auditorium habe ich gesagt, dass– deskriptiv gesehen– diese Bewegungen in der Linken zu verorten sind, doch wie bei jeder Bewegung muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er sie unterstützt oder nicht. Ich habe keine der genannten Bewegungen jemals unterstützt, und mein eigenes Engagement gegen Gewalt macht es unmöglich, das zu tun. Man könnte viel darüber sagen, wie diese Bewegungen entstanden sind und was ihre Ziele sind. Das würde bedeuten, sie als Bewegungen gegen Kolonialismus und Imperialismus zu verstehen. Jede Analyse müsste auch die gesellschaftlichen Dimensionen und den Ort der Gewalt im Kampf dieser Gruppen mit einbeziehen. Ich selbst habe mich deutlich gegen Gewalt ausgesprochen (…)“.

Nach nochmaliger Nachfrage, konkretisiert Butler warum Hamas und Hisbollah links sind:

„Der einzige Grund, warum ich glaube, dass, deskriptiv gesehen, diese Gruppen unter die Kategorie »links« gehören, ist, weil sie gegen Kolonialismus und Imperialismus kämpfen“.

Die Antworten, die Butler sich gut überlegt hat, weil sie wusste, mit welchen Fragen sie konfrontiert werden wird, sind unfassbar und verlogen.
Deskriptiv (!) sollen die Hamas und Hisbollah links sein. Dass beide mit Linken paktieren, dass Linke Sympathien für jene hegen, dass es ideologische Schnittmengen gibt, all das muss nicht diskutiert werden. Freilich sind dem Selbstverständnis nach beide Gruppen noch nicht einmal im weitesten Sinne links. Sie beziehen sich weder auf einen linken Theoretiker, noch haben sie eine wie auch immer geartete linke Programmatik. Nicht die Hamas ist links, sondern die Linke wird djihadistisch. Als Butler 2006 Hamas und Hisbollah zur „global left“ zählte, tat sie dies, weil sie, die Teilnehmer des teach in und Millionen Demonstranten weltweit, jede Art des Kampfes gegen Israel als legitim erachten. Israel, da muss man nicht interpretieren, sondern das sagt sie unumwunden, ist ein imperialistischer Kolonialstaat. Und was mit solchen aus linker Perspektive zu geschehen hat, das weiß man als Linke. Oder Hamassympathisantin.

Mag sein, dass Butler später aufgefallen ist, dass sie als queere, jüdische Amerikanerin unter der Hamas nichts zu lachen hätte. Sie hätte ihre Position widerrufen können. Aber Butler ist nicht Brecht: Wo sie A sagt, will sie B sagen. Und deshalb legt sie nach. Wer sie kritisiert, ist Antisemit:

„Es ist sehr schwer, jemanden daran zu hindern, deine Worte in einer Art und Weise zu verwenden, die nicht deiner Intention entspricht und die gegen deine wichtigsten Werte verstoßen. Ich habe mich auch gefragt, ob die Verwendung meiner gekürzten Bemerkungen über Hamas und Hizbollah nicht selbst eine Art antisemitischer Angriff war. Ich spüre in der Tat wieder meine Verletzbarkeit als Jüdin in Deutschland, wenn ich auf diese Art und Weise in den Medien diskreditiert werde. Es wäre mindestens paradox, wenn ich als queere Jüdin mich für Hizbollah und Hamas aussprechen würde, wie das in der Taz nahegelegt worden ist. Ihre Taktik, in der meine Aussagen verzerrt worden sind, hat mein Jüdin-Sein negiert und mich als eine selbsthassende Jüdin dargestellt, und in diesem Sinne wurde mir Gewalt angetan“.

Immer wieder sprachlos:
Offensive Selbstverteidigung


1 Antwort auf „Bankrott.“


  1. 1 T.S. 04. September 2010 um 7:44 Uhr

    Ich wusste bis jetzt garnicht, dass sie Jüdin ist. Wieder mal was dazu gelernt. In der taz hab ich auch keinen Artikel gesehen, wo das angesprochen worden wäre. Wirklich peinlich und nicht gerade von Redlichkeit zeugend, sowas als Theoretiker nötig zu haben.

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