„Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“

Am 20. April wird der Roman „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“ der Schriftstellerin Frieda Norka in einem zu ihr passenden unbedeutenden Verlag veröffentlicht, der sich dem Thema schulischer Gewalt widmet. Ein Mann, vormals der Klassendepp, beschreibt dort in der Ich-Perspektive, warum er plant auf einem Klassentreffen seine ehemaligen Peiniger zu ermorden. Die vorab veröffentlichten Auszüge belegen die Qualität der Veröffentlichung:

Schwer atmend, steif und gekrümmt, wie eine im Bauch von Gift zerfressene Ratte, welche kurz davor ist, die letzten Zuckungen von sich zu geben, sitze ich zu Tisch, den Geschmack von leicht angebranntem Schmelzkäse noch frisch im Mund.
Ob es (sic!) unten bleibt? Oder nach oben drängen wird? Vom Rausch in den Ohren akustisch begleitet? (…)
In … mir … haust … der .. Holocaust.

Wie nun? Wird die Ratte vom Gift in dem Bauch zerfressen, in dem sie sich befindet oder wird der Bauch der Ratte zerfressen, vom Gift das sich in diesem befindet. Kann man Schmelzkäse braten? Oder ist angebratener, geschmolzener Käse gemeint. Und Käse ist maskulin, es müsste also heißen: „Ob er unten bleibt ?“, nicht: „Ob es unten bleibt ?“. Zudem gibt es keinen Rausch in den Ohren, allenfalls ein Rauschen in selbigen.

Freilich ließe sich das unter literarischer Freiheit verbuchen und wäre kein Wort, geschweige denn eine Zeile wert, wenn der Roman nicht den Beweis dafür antreten würde, dass die ständige Beredung des Holocaust zu dessen Trivialisierung führt. Der Vergleich mit dem Holocaust und die Charakterisierung einer Schule, in der Schüler gemobbt und missbraucht werden, als KZ ist beliebig und gleichsam konsequent. Das KZ soll für das Schlimmste stehen und wird gerade dadurch zur beliebigen und leeren Metapher.


3 Antworten auf „„Rückkehr ins Kinderseelen-KZ““


  1. 1 nada 20. April 2010 um 23:09 Uhr

    schauen sie doch mal hier: http://rueckkehrinskinderseelenkz.blogspot.com/2010/04/schlussbilanz.html

    „SEIT KINDERTAGEN GLÜHT DER VERBRENNUNGSOFEN IN MIR.
    MEINE SEELE IST EIN VERGASTES GERIPPE, EIN VERKOHLTES SKELETT.
    …EWIGER SCHULJUDE“

  2. 2 Renk 04. Mai 2010 um 2:55 Uhr

    Ich habe die Schwarte jetzt mit Ausnahme des hundertseitigen Chronikteils gelesen und muss zu meiner eigenen Überraschung feststellen: Ich bereue es nicht!
    Meine anfänglichen Bedenken, beim Kinderseelen-KZ handelt es sich um einen wohl kalkulierten Skandal, lösten sich während des Lesens schnell in Luft auf. Ganz im Gegenteil, es handelt sich dabei um ein ungemein dicht und glaubwürdig geschriebenes Buch, welches die Geschehnisse rund um einen Schulamoklauf sozusagen bis ins Millionstel Detail erklärt und aufschlüsselt. Die detailbesessene Beschreibung der inneren, seelischen Katastrophenlandschaft des Protagonisten braucht Vergleiche mit Werken des in Deutschland bis heute stiefmütterlich behandelten Hanns Henny Jahnn keineswegs zu scheuen. Dass die Autorin Norka (ist das ein Pseudonym, weiß das wer?) dabei offenlässt, ob sie angebrannten oder angebratenen Schmelzkäse meint, sei ihr, angesichts der sonst erbrachten handwerklichen Leistung, verziehen. Unverzeihlich ist natürlich die Schnapsidee (anders kann man’s nicht nennen) einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Passagen des Buchs über den zu Recht kritisierten Blog vorab zu veröffentlichen. Was sich der Verlag und/oder die Autorin dabei gedacht hat, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben. Warum? Nun, es ist keineswegs so, wie es durch den Blog suggeriert wird, dass Rückkehr ins Kinderseelen-KZ auf unreflektierte Art und Weise einen mit Nazivergleichen nur so um sich schmeißenden Amokläufer unkommentiert daher palavern lässt. Einer Schlüsselrolle im Buch kommt dabei einer Person zu, die dem Amokläufer in einem bestimmten Lebensabschnitt nahe steht und politisch Positionen vertritt, die durchaus als antideutsch zu bezeichnen sind! Dieser Nebendarsteller erfüllt die Funktion eines dialektischen Korrektivs. Unterm Brennglas von Ratio und Aufklärung seziert er die selbstzerstörerischen Handlungsweisen und die kranke „KZ-Ideologie“ des Amokläufers. Obwohl also Vergleiche mit dem Dritten Reich den Text dominieren, findet faktisch eine Beredung (und damit gleichzeitige Trivialisierung) des Holocausts nicht statt. Als Schwäche des Buches ansehen würde ich die teilweise pathetisch und affektiert wirkenden Äußerungen, welche die Autorin dem Amokläufer, kurz bevor er zur Tat schreitet, in den Mund legt. Zugegeben, es strotzen auch die Manifeste, Abschiedsbriefe und Videofilme von echten Schulamokläufern nur so vor Größenwahn bis hin zur religiösen Selbsterhöhung, aber hier wäre weniger mehr gewesen.

  3. 3 Staatlich Lernbehinderter 26. Januar 2011 um 15:20 Uhr

    Zugegeben, Titel und Cover des Buches haben mich auch abgestoßen. Der altmodische Schulranzen führt sogar direkt in die Irre, denn die Schießattentate und Amokläufe an Schulen finden in der Zeit moderner und bunt bedruckter Schulranzen statt.
    Die hier artikulierte Kritik allerdings ist für mich nicht nachvollziehbar und wirkt sehr gesucht.
    Zunächst zur Häme ob des kleinen angeblich unbedeutenden Verlages. Von der Bedeutung her ist es ein Fachverlag. Die sind meistens klein und der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Das ist keine Schande, vielmehr sogar das Motiv des hehren Gesetzgebers via Buchpreisbindung gerade solche kleinen Verlage schützen zu wollen. Ob dies ein geeignetes Mittel ist, sei dahingestellt. Hier zeigt es uns die Wertschätzung des Demos und seiner Vertreter für gerade solche Verlage.
    Nun zur Semantik: Satzbau und Kommata sind hier eigentlich eindeutig, vielleicht wäre die Einfügung mittels Bindestrichen noch besser verständlich. Überzeugend bleibt aber das Verständnis, dass das Wort wie hier einen Vergleich anzeigt, um einen Zustand metaphorisch zu beschreiben. Dies geht soweit, dass der beschriebene gefühlte Zustand als Vergiftung selbst verinnerlicht angezeigt wird durch den Gebrauch des es. Dies ist in der Tat unsauber formuliert, nicht aber sinnlos.
    Und was spricht dagegen, den angebrannten Käse angebrannten Käse sein zu lassen? Schon einmal Raclette oder Toast Hawai gemacht und nicht aufgepaßt? Bitteschön: Nicht alles, was man nicht gleich versteht, ist deswegen schon Unfug. Weiter: Auch ich hätte formuliert „Rauschen in den Ohren“. Einen „Rausch in den Ohren“ findet Google allerdings 142.000 mal. Und in Österreich kürzt man nun gern einmal das Wortende ab. Da ist deutscher Sprachchauvinismus völlig unangebracht.

    Ich bitte also um einen Nachschlag einer wirklichen Kritik. Denn zum Schluss stimme ich zu, dass die Trivialisierung des Holocaust ein Problem ist – und vermeidbar gewesen wäre. Die Autorin geht auf das Thema im Interview mit ef ausführlich ein. Die Größenordnung jahre- und oft lebenslanger millionenfacher Schulqualen über viele Jahrzehnte hinweg, die seit Einführung des deutschen Schulzwangs 1938 vergangen sind, und der erschwerende Umstand, dass die Opfer sich auch noch verhöhnen lassen müssen, zu dieser Qual „verpflichtet“ zu sein, ist trotzdem fulminant genug. Menschen, die keine Hemmungen haben, das Wort Schulverweigerer negativ zu konnotieren, und diesen bereits Leidenden auch noch weitere Gewalt antun, sollten sich klarmachen, dass man in anderem Kontext auch nicht von Vergewaltigungsverweigerinnen spricht. Die Sprache um die vermeintliche Schulpflicht ist so menschenverachtend, dass einmal deutliche Vergleiche notwendig sind. Dass sie hinken, wie wohl jeder Vergleich, ist da drittrangig. Was Kollektive Menschen antun können, ist ein gemeinsamer Nenner. Und immer wieder traurig, ja entsetzlich.
    Positiv am Buch ist deshalb die an den „Krimi“ anschließende umfangreiche Dokumentation, die belegt, dass wir es nicht mit Einzelfällen zu tun haben, sondern selbst die Spitze dieses Eisberges unvermutet groß ist.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.