Archiv für April 2010

Sehr geehrter Herr Peter Rosenthal,

wir sind sehr neidisch. So wie wir gerne Microsoft gegründet und den Kommunismus erfunden hätten, so gerne wären wir auf die Idee gekommen, den potentiellen Erfolg von Automobilen und also deren Design nicht mehr nach dem Prinzip Hoffnung und durch Marktumfragen vorab zu messen, sondern durch objektivierbare Schönheitskriterien. Aber wie soll das gehen? Der F.A.Z. haben Sie es verraten:

„Gibt es zum Beispiel eine Stereoanlage, eine Lampe oder eine Schrankwand, der man ein Lächeln zuschreibt oder von der man behauptet, sie habe kräftige Schultern oder ein knackiges Hinterteil?“

Nein, aber bei Autos machen Menschen das, weshalb Sie auf die geniale Idee gekommen sind die humane Attraktivitätsforschung in ihre Theorie zu integrieren, 71 Schönheitsaspekte von Autos zu entwickeln und Simsalabim, war die automobile Physiognomie geboren. Dass die auf dieser Grundlage getroffenen Prognosen zu 85 Prozent richtig sind und damit andere konventionelle Prognoseformen um Längen schlagen, hätten wir nicht geglaubt, wenn es nicht notariell bezeugt wäre.

Gefreut haben wir uns auch, dass die F.A.Z. Ihrer Erfindung eine ganze Seite gewidmet und diese mit drei Bildpaaren geschmückt hat: Das erste zeigt einen Mini Cooper und ein Baby, da die Physiognomie des Mini der des Babys gleicht bzw. andersrum, das war uns nicht so ganz klar. Die Bildpaare zwei und drei zeigen einmal den neuen Ford Fiesta, der ihrer Prognose folgend hübsch ist, weshalb er auch nebst dem Gesicht eines hübschen jungen Mannes zu finden ist, und den Toyota Auris, dessen Physiognomie irgendwie nicht so toll ist und der also ein eher hässliches Gesicht als menschliches Äquivalent verpasst bekommen hat.

Bei all der Begeisterung für ihre nüchternen Ausführungen zur Menschwerdung der Technik, geht uns eine Frage nicht aus dem Kopf: Wie muss ein Auto aussehen, dass nach dieser Physiognomie gebildet wurde?

Technisch interessiert und mit freundlichem Gruss verbleibt
Offensive Selbstverteidigung

„Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“

Am 20. April wird der Roman „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“ der Schriftstellerin Frieda Norka in einem zu ihr passenden unbedeutenden Verlag veröffentlicht, der sich dem Thema schulischer Gewalt widmet. Ein Mann, vormals der Klassendepp, beschreibt dort in der Ich-Perspektive, warum er plant auf einem Klassentreffen seine ehemaligen Peiniger zu ermorden. Die vorab veröffentlichten Auszüge belegen die Qualität der Veröffentlichung:

Schwer atmend, steif und gekrümmt, wie eine im Bauch von Gift zerfressene Ratte, welche kurz davor ist, die letzten Zuckungen von sich zu geben, sitze ich zu Tisch, den Geschmack von leicht angebranntem Schmelzkäse noch frisch im Mund.
Ob es (sic!) unten bleibt? Oder nach oben drängen wird? Vom Rausch in den Ohren akustisch begleitet? (…)
In … mir … haust … der .. Holocaust.

Wie nun? Wird die Ratte vom Gift in dem Bauch zerfressen, in dem sie sich befindet oder wird der Bauch der Ratte zerfressen, vom Gift das sich in diesem befindet. Kann man Schmelzkäse braten? Oder ist angebratener, geschmolzener Käse gemeint. Und Käse ist maskulin, es müsste also heißen: „Ob er unten bleibt ?“, nicht: „Ob es unten bleibt ?“. Zudem gibt es keinen Rausch in den Ohren, allenfalls ein Rauschen in selbigen.

Freilich ließe sich das unter literarischer Freiheit verbuchen und wäre kein Wort, geschweige denn eine Zeile wert, wenn der Roman nicht den Beweis dafür antreten würde, dass die ständige Beredung des Holocaust zu dessen Trivialisierung führt. Der Vergleich mit dem Holocaust und die Charakterisierung einer Schule, in der Schüler gemobbt und missbraucht werden, als KZ ist beliebig und gleichsam konsequent. Das KZ soll für das Schlimmste stehen und wird gerade dadurch zur beliebigen und leeren Metapher.

Liebe Judith Butler,

als Gewährsgenderkiller_in der postmodernen Linken haben Sie Ihr Projekt der Dekonstruktion Ihrer Restvernunft erfolgreich beendet, und zwar schon vor drei Jahren, wie wir erst jetzt erfahren haben. Damals, als Israel im Libanon gegen die Hisbollah Krieg geführt hat und deshalb nicht nur an nordamerikanischen Unis Veranstaltungen stattfanden die Israel verurteilten, haben auch Sie als Expertin an einer Veranstaltung teilgenommen und sind mit Fragen konfrontiert worden, die linke Studierende an Eliteunis umtreiben:

1. Since Israel is an imperialist, colonial project, should resistance be based on social movements or the nation-state?
2. What is the power of the Israel Lobby and is questioning it antisemitic?
3. Since the Left hesitates to support Hamas and Hezbollah “just” because of their use of violence, does this hurt Palestinian solidarity?
4. Do Hamas and Hezbollah actually threaten Israel’s existence, as portrayed in some media?

Das wäre nun eine großartige Gelegenheit gewesen die Intentionen der Fragenden zu dekonstruieren und beispielsweise zu fragen, warum man von Ihnen als Jüdin eine politisch korrekte Kritik der Israel-Lobby erwartet. Sie hätte natürlich auch den ideologischen Charakter der Gewalt von Hamas und Hisbollah dekonstruieren können. Aber freilich ist das nicht Ihre Sache, da Sie weder Kommunistin sind, noch Bürgerliche, sondern eben: postmoderne Labertante. Und daher haben sie konsequent die dämlichste Antwort gegeben, die man sich vorstellen kann:

Similarly, I think: Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important. That does not stop us from being critical of certain dimensions of both movements. It doesn’t stop those of us who are interested in non-violent politics from raising the question of whether there are other options besides violence. So again, a critical, important engagement. I mean, I certainly think it should be entered into the conversation on the Left.

Hisbollah und die Hamas sind also Teile der global left? Es gab eine Zeit in der überall auf der Welt sich Vereinigungen auf Marxismen berufen haben, um ihre Ziele zu legitimieren. Das brachte die Schwierigkeit mit sich, dass man als Kritikerin sich ankucken musste, wie diese Vereinigungen es tatsächlich mit dem Ziel der klassen- und staatenlosen Weltgesellschaft halten. Im Fall von Hamas und Hisbollah freilich kann man sich das sparen, weil diese nicht im entferntesten auf die Idee kommen würden ihre Gewalt als links oder sozialistisch zu verkaufen, weil damit heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Sparen sollten wir uns eigentlich auch den Verweis darauf, dass der Herrschaftsbereich von Hamas und Hisbollah für Frauen und Homosexuelle die Hölle bedeutet. Da Ihnen das aber kein Wort wert ist, wollen wir es doch erwähnt haben.

Herzlichst voller Verachtung für Sie und Ihre Genossen von Hamas und Hisbollah
Offensive Selbstverteidigung

Thalia,

schön, dass es noch Kinos gibt, die nicht die vom Verleih angebotenen Ankündigungen blind in ihr Programmheft übernehmen, sondern sich noch die Mühe machen, diese selbst zu formulieren. Aber muss das dann so aussehen:

„DIE ANWÄLTE – EINE DEUTSCHER GESCHICHTE
In den Prozessen gegen die RAF-Terroristen waren sie Verbündete, später gingen ihre Lebenswege auseinander. Die Dokumentation von Birgit Schulz porträtiert die Ex-Linksanwälte Otto Schily, Christian Ströbele und Horst Mahler. Letzterer trommelt heute stumpf für die NPD und ist die tragische Figur des Trios. Drei deutsche Leben, verwurzelt in traumatischen Ängsten und blinden Irrlehren.“

„Eine Deutscher Geschichte“? Nett.
„Ex-Linksanwälte“? Kreativ!
„Drei deutsche Leben, verwurzelt in (…) blinden Irrlehren“: Priceless!