Für die Freiheit des Mixed-Martial-Arts (MMA). Zum Verbot des Ultimate Fighting

Wie der Presse zu entnehmen ist, wird zukünftig im deutschen Fernsehen kein Mixed-Martial-Arts mehr gesendet werden. In der Pressemitteilung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) heißt es:

„Der Fernsehausschuss der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) hat in seiner Sitzung am 18. März 2010 die Genehmigung für die Formate The Ultimate Fighter, UFC Unleashed und UFC Fight Night im Programm des Deutschen Sport Fernsehens (DSF) aufgehoben.“

Man könnte etwas verblüfft darüber sein, dass ein Ausschuss der bayerischen Landeszentrale das Verbot einer deutschlandweit ausgestrahlten Sendung verfügen kann. Das aber hat sein Recht, wenn auch ein etwas seltsames.

Die BLM klärt auf:

„Im Unterschied zu den anderen Bundesländern schreibt die Bayerische Verfassung vor, dass Rundfunk ausschließlich in öffentlicher Verantwortung und öffentlich-rechtlicher Trägerschaft betrieben werden kann (Artikel 111a).
Um dem gerecht zu werden, wurde am 1. April 1985 die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) gegründet. Sie fungiert als öffentlich-rechtlicher Träger, in dessen Verantwortung die privaten Anbieter (alle privaten Hörfunk- und Fernsehsender) ihre Angebote einbringen. Die BLM wurde als rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts mit Sitz in München gegründet und hat das Recht der Selbstverwaltung in der Form eines verfassungsrechtlich verbürgten Autonomiebereichs, den sie frei von staatlicher Beeinflussung ausfüllen darf. Sie unterliegt lediglich einer eingeschränkten Rechtsaufsicht durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft Forschung und Kunst.“

Lange Rede kurzer Sinn: Die BLM entscheidet welche Programme gesendet werden dürfen, und zwar unabhängig davon ob diese von öffentlich-rechtlichen oder privaten Sendern angeboten werden. Die BLM ist nicht demokratisch legitimiert und – wie es oben heißt: nur eingeschränkt demokratisch kontrolliert. Die BLM entscheidet über das Programm des DSF. Und da das DSF für Bayern kein eigenes Programm anbieten kann, ist es notwendig gezwungen die Ausstrahlung deutschlandweit einzustellen, obwohl das Verbot der BLM de jure nur für Bayern gilt.
Bezeichnend ist zudem, dass die fehlende demokratische Legitimation der BLM für die Presse kein Grund ist, deren Handeln mit besonderer Sorgfalt zu beobachten, sondern führt wie im hier diskutierten Fall dazu, dass das Verbot der Ausstrahlung von Ultimate-Fighting als unhinterfragbares Faktum behandelt wird.

Die Begründung des Verbots durch die BLM ist denkbar kurz ausgefallen:

„Der Fernsehausschuss hält die genannten Formate durch die Massivität der gezeigten Gewalt für nicht akzeptabel. Die darin stattfindenden Tabubrüche, wie das Einschlagen auf einen am Boden liegenden Gegner, widersprechen dem Leitbild eines öffentlich-rechtlich getragenen Rundfunks nach Art. 111a der Bayerischen Verfassung, in dem u.a. gegenseitige Achtung (Art. 111a Abs.1 Satz 5) und das Verbot der Verherrlichung von Gewalt (Art. 111a Abs. 1 Satz 6) vorgegeben sind.“

Artikel 111a „Zur Garantie der Rundfunkfreiheit“ der Bayrischen Verfassung lautet vollständig:
„Die Freiheit des Rundfunks wird gewährleistet. Der Rundfunk dient der Information durch wahrheitsgemäße, umfassende und unparteiische Berichterstattung sowie durch die Verbreitung von Meinungen. Er trägt zur Bildung und Unterhaltung bei. Der Rundfunk hat die freiheitliche demokratische Grundordnung, die Menschenwürde, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu achten. Die Verherrlichung von Gewalt sowie Darbietungen, die das allgemeine Sittlichkeitsgefühl grob verletzen, sind unzulässig. Meinungsfreiheit, Sachlichkeit, gegenseitige Achtung, Schutz vor Verunglimpfung sowie die Ausgewogenheit des Gesamtprogramms sind zu gewährleisten.“

Vor dem Hintergrund des Verfassungsartikels ist die Verbotsbegründung einigermaßen kurios. Zum einen, weil der Fernsehrat die beiden Verweise auf die Bayerische Verfassung falsch setzt: Das Verbot der Verherrlichung von Gewalt wird nicht in Satz 6 von Artikel 111a, sondern in Satz 5 gefordert. Aber basst scho – mir san in Bayern.

Das wesentliche Problem neben der fehlenden Legitimation der BLM ist, dass diese die Deutungshoheit über das in Satz 5 von Artikel 111a erwähnt „allgemeine Sittlichkeitsgefühl“ beansprucht. Dass das Gesetz dieses nicht konkret benennt, ist logisch und dem Umstand geschuldet, dass das was vor 30 Jahre Jahren gegen die herrschende Moral verstieß, heute allgemein akzeptiert sein kann. Das Problem aber ist, dass der Verstoß gegen das Sittlichkeitsgefühl an der Gewalt des MMA festgemacht wird, ohne dass ersichtlich wäre, warum gerade diese Gewalt sittenwidrig sein sollte.

Ginge es nur um die Darstellung von Gewalt, dann müssten 50 Prozent des Fernsehprogramms verboten werden. Ginge es nur um die Darstellung von gewalttätigen Sportarten, dann müsste die Übertragung von Kampfsport im Fernsehen generell verboten werden. Das ist offenkundig nicht der Fall. Die Begründung des Fernsehausschuss bezieht sich explizit nicht auf die Darstellung von Gewalt im MMA, sondern auf deren „Massivität“, die einen „Tabubruch“ darstelle. Als Beispiel nennt der Fernsehausschuss „das Einschlagen auf einen am Boden liegenden Gegner“. Darin sieht man beim BLM eine Verstoß gegen das gesetzliche Verbot der Gewaltverherrlichung. Die Begründung ist Unsinn; und zwar auf ganzer Linie.

Warum? Darum:
Wenn die BLM eine Kampfsportart legitimiert, andere verbietet, dann muss dies sachlich begründet sein. Die BLM macht ihre Verbot der Ausstrahlung an der Massivität der Gewalt des MMA fest, wobei sie die Massivität darin begründet sieht, dass Gegner geschlagen werden dürfen, wenn diese am Boden liegen. Das MMA im Rahmen der Ultimate Fighting Championship (UFC) ist Allkampf mit einer Vielzahl von Auflagen und Regeln: vom Verbot an Haaren zu ziehen bis hin zu administrativen Regeln wie Gewichtsklassen und also alles andere als ein Kampf ohne Regeln. Die erfolgreichsten Kämpfer des MMA kombinieren Kampfsportarten, die Schläge und Tritte aus der Distanz ermöglichen (Thai Boxen, Takewon-Do u.a) mit Kampfsportarten, die den Kampf auch am Boden austragen (Jiu-Jitsu, Judo, Ringen u.a.). Gekämpft wird also sowohl im Stehen als auch am Boden. Während im Stehen mit Fäusten und Tritten und je nach Auflagen mit Knien und Ellbogen geschlagen wird, werden am Boden meist Halte- und Würgegriffe angesetzt, um den Gegner zur Aufgabe zu zwingen. Kämpfe werden beendet indem einer der Kontrahenten K.O. geht, durch ein sogenanntes „tap out“ aufgibt und damit selbstbestimmt den Kampf beendet. Geht der Kampf über die volle Zeit, fällen Punkterichter ein Urteil.

Was dies mit dem Urteil der BLM zu tun hat? Alles!

Wenn am Boden liegende Gegner geschlagen werden, ist dies in den Augen der BLM ein Tabubruch, der Gewalt verherrlicht. Das Schlagen eines Gegners in allen anderen Kampfsportarten ist dies nach Vorstellung der BLM nicht, sonst müsste deren Ausstrahlung ebenfalls verboten werden. Der Tabubruch wird demnach darin gesehen, dass der Gegner geschlagen wird, wenn er auf dem Boden liegt.

Bei näherer Betrachtung und einem Minimum an Fachwissen verhält es sich etwas anders.

Im Stehen und am Boden

Während im MMA jeder Kämpfer jederzeit selbstbestimmt den Kampf durch das „tap out“ beenden kann, kann im Boxen nur der Trainer eines Kämpfers den Kampf beenden, der Kämpfer hingegen nicht. Das MMA erlaubt clinching: Das Blockieren des Gegners ermöglicht Ruhepause im Kampf. Im Boxen hingegen wird der Clinch vom Ringrichter unterbunden. Man kennt dies aus dem Fernsehen: Zwei Gegner die clinchen werden vom Ringrichter getrennt um wieder aus der Distanz zu schlagen. Die härtesten und verheerendsten Schläge im Boxen sind Körperhacken auf Leber und Niere, den Solar Plexus, oder aber Schläge mit der Schlaghand auf das Gesicht. Sowohl in Hacken als auch in gerade Schläge wie beim Boxen aus der Hüfte geschlagen, das Körpergewicht wird also in den Schlag gelegt. Die Faustschläge auf einen am Boden liegenden Gegner sind nicht annähernd so hart, weil sie nur aus dem Arm, nicht aber aus der Hüfte geschlagen werden können. Wenn der Fernsehrat von der Massivität von Gewalt im MMA spricht, kann also nicht die Schlaghärte gemeint sein.

Dass das Schlagen von Gegnern die am Boden liegen ein Tabubruch ist, das Schlagen von stehenden Gegner nicht, ist rational nicht zu begründen. Dass die BLM dies tut, lässt Schlüsse auf den Moralbegriff der Mitglieder des Fernsehausschuss zu und zudem auf deren fehlende Kenntnis von Kampfsport:

Implizit wendet die BLM den Maßstab von Kampfsportarten wie Taekwon-Do, Thai-Boxen oder Boxen auf das MMA an. Bei diesen ist derjenige, der am Boden liegt der Unterlegene: wer am Boden liegt ist getroffen, wird angezählt, er verliert durch K.O. oder verliert wenigstens Punkte. Im MMA verhält es sich der Natur des Sportes entsprechend anders: Ist ein Kämpfer in der Distanz schwach, sucht er den Kampf am Boden. Er wird also versuchen im Clinch auf den Boden zu gehen um dort die Submisson zu suchen und Punkte zu machen. Und welche Position wird er also anstreben, liebe Mitglieder des Fernsehausschuss des BLM? Na? Oben oder unten? – Falsch, er will nicht von oben schlagen. Im Gegenteil wird er versuchen unter den Gegner zu kommen, er wird Closed guard oder Open guard anstreben um von dort Würge- und Haltegriffe anzusetzen und den Gegner zur Aufgabe zwingen. Wer am Boden liegt, ist also nicht wie in anderen Kampfsportarten der Unterlegene, sondern kann ebenso gut dominant sein.

Der Moralbegriff dem die BLM mit ihrem Urteil das Wort redet ist mehr als fragwürdig, weil er die Anwendung von Gewalt nicht von der Frage von Mittel und Zweck und der souveränen Entscheidung von mündigen Menschen abhängig macht, die aus freien Zwecken den Wettkampf suchen, sondern von der Kampfposition.

Abgesehen von diesen Differenzen der Kampfsportarten ist die Beurteilung des BLM auch hinsichtlich der moralischen Implikationen fraglich. Um die Moral der BLM auf den Punkt zu formulieren: Jemandem aus der optimalen Schlagdistanz die Faust in die Fresse, Niere, Leber, den Solar Plexus zu knallen ist der Weg um wie Max Schmeling oder Henry Maske zum Nationalhelden zu werden. Eine Sportart hingegen, die Kampftechniken am Boden integriert, wird delegitimiert, indem sie nicht mehr im Fernsehen ausgestrahlt werden darf.

Der Fernsehausschuss der BLM
Es bleibt zuletzt die Frage: Welche Fachleute für Sport und allgemeine Moral haben über das Verbot entschieden?

Der Vorsitzende des Fernsehausschusses Walter Keilbart ist Vertreter der Industrie- und Handelskammern; die stellvertretende Vorsitzende Lydia Sigl gehört dem Bayerischen Landessportverband an. Der Rest der Mitglieder sind Vertreter von Parteien, der katholischen und der evangelischen Frauenorganisation, der Bayerischen Hochschulen, der Familienverbände, des Bayrischen Staatstheaters, der Komponistenorganisation. Kurz: Der Medienrat setzt sich zusammen aus Vertretern sogenannter gesellschaftlicher Gruppen, die weder das Wissen haben, um die Qualität der Gewalt im MMA beurteilen können. Noch darf man annehmen, dass die Entscheidung Resultat von Studien zur Medienwirkungsforschung ist.

Zusammenfassend sei festgehalten: Das Gremium, dass das Verbot der Ausstrahlung von UFC verfügt hat ist weder demokratisch legitimiert, noch demokratisch kontrolliert. Die Mitglieder des Fernsehrates sind durch keine Kenntnis des Gegenstandes belastet und vertreten – wie man nüchtern und ohne Polemik feststellen darf – einen Moralbegriff, wie er in Kreisen von Fussballhooligans zu finden ist. Schlagen, Treten, Würgen sind ehrenhaft, tabu sind Schläge auf am Boden Liegende.

Das Verbot lässt erkennen, wie es um die postdemokratische deutsche Gesellschaft steht. Die implizite Message lautet: Verflucht ist, wer keine Lobby hat.