Archiv für Februar 2010

Marginalien zum Gedenken an die Augsburger Bombennacht. Oder: Das Verschwinden der Heimatfront.

Zu den Ambivalenzen des Umgangs der Deutschen mit der Shoa in der Nachkriegszeit gehört, dass die beiden dominanten Formen scheinbar im Widerspruch zueinander standen: Einerseits wollten die Deutschen von der Shoa nichts wissen, machten die Führungselite des NS für ihre Untaten verantwortlich, wählten euphemistische Umschreibungen für Deportation und Massenmord und machten Schuld zum persönlichen Problem derer, die Schuld fühlten. Anderseits suchten die Deutschen ausgehend vom Schuldbekenntnis Wege der Relativierung, Projektion und Rationalisierung. Den scheinbaren Widerspruch von Schuldabwehr und Schuldbekenntnis löst Max Horkheimer mit dem Verweis auf den Charakter des Schuldbekenntnisses:

„Das Schuldbekenntnis nach 45 war ein famoses Verfahren das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Man erklärte nicht: Wir hätten uns mit den Widerständigen solidarisieren sollen, sondern: Wir hatten Angst. Die Anderen sind nicht die Nazis, sondern die Amerikaner und der Widerstand. „Wir“ und die Nazis gehören zusammen.
Selbst noch das „Ich“ stand für das „Wir“. Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte. Der Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv wird eingeebnet, wer ihn bewahrt ist wahrscheinlich ein Kommunist. Wer von sich selbst spricht und die Landleute als „sie“ bezeichnet gilt als Verräter.“

So diente sowohl die Abwehr als auch das Bekenntnis zur Schuld der nationalen Gemeinschaftsbildung. Eingeleitet durch Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes und den Historikerstreit wurde das Bekenntnis zu Auschwitz mit der Rot-Grünen Regierung zur dominanten Form der Erinnerung. Schröder und Fischer ist damit gelungen, was die Konservativen für unmöglich hielten: den positive Bezug auf die deutsche Nation wieder zu ermöglichen. Während die Konservativen dies wollten, dabei aber immer auch auf Auschwitz stießen, machten die Linksnationalen aus der Not eine Tugend: Auschwitz wurde zum negativen Bezugspunkt des nationalen Selbstbewusstseins, das Gerhard Schröder in seiner Rede zum 60. Jahrestag der deutschen Niederlage auf den Punkt brachte: „Wir wissen um unsere Verantwortung für die Geschichte, und wir nehmen sie ernst. Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus ist Teil unserer Identität geworden. Und sie ist eine bleibende moralische Verpflichtung“ (Schröder 2005).

Alle Jahre wieder
Es ist das Jahr 2010 und Augsburg ist zum wiederholten Mal Schauplatz einer skurrilen Veranstaltung. Nachdem 2007 der Aufmarsch von Nazis zum Gedenken an den von ihnen als „Bombenholocaust“ bezeichneten Angriff alliierter Bomber auf Augsburg am 25./26. Februar 1944 noch ignoriert wurde, hatten sich 2008 verschiedene Gruppierungen zum Protest gegen den Aufmarsch zusammen geschlossen. Nachdem die alljährlichen städtischen Versuche den Aufmarsch zu verbieten gerichtlich aufgehoben wurden, ist der Protest spätestens seit 2009 ein Volksfest, das verrät, wie es um die Erinnerungskultur in Deutschland steht.

So lässt sich vorab der Ablauf des Aufmarsches und des Protests genau umreißen: 100-200 Nazis werden aus dem Süddeutschen Raum zusammenkommen und werden sich möglichst unerkannt – um nicht auf die Fresse zu bekommen – zum Sammelpunkt der Demo begeben. Die Demonstration wird von einer Hundertschaft der Polizei begleitet, die dafür Sorge tragen wird, dass die Demonstration ohne Störungen stattfinden kann. Entlang der Demoroute werden Demonstranten stehen, die Nazis ausbuhen und beschimpfen, Antifas werden sich mit den Cops rempeln und mit großer Wahrscheinlichkeit wird einer oder eine einfahren: Möglicherweise wegen des Werfens von faulem Obst. Währenddessen werden die Gegendemonstration und das bunte Treiben auf dem Rathausplatz noch friedlicher und störungsfreier ablaufen als die Nazidemo. Soweit so gut.

Hat man die Bilder der Pogrome von Rostock, Hoyerwerda u.a. nach der Wiedervereinigung vor Augen, die Bürger, die den Fernsehteams zu Protokoll gaben, dass die, denen dort von dem deutschen Mob nach dem Leben getrachtet wurde, keine Menschen sondern Schmarotzer sind und ruf man sich ins Bewusstsein, dass seit der Wende ca. 100 Menschen Opfer rassistische Morde wurden, ließen sich die Augsburger Proteste als begrüßenswertes antifaschistisches Bekenntnis begreifen. Nur ist es so leicht nicht.

Getragen und aktiv unterstützt werden die Gegenveranstaltungen in diesem Jahr von den Parteien im Augsburger Stadtrat, Bündnis für Menschenwürde e.V., Evangelisches Jugendwerk, Stadtjugendring Augsburg, Deutsch-Israelische Gesellschaft, DGB Augsburg, City Initiative Augsburg e.V., GEW Augsburg, Fan-Projekt Augsburg, Friedensbüro der Stadt Augsburg, Integrationsbeirat Augsburg, dem Theater Augsburg, Tür an Tür e.V., VVN-BdA Augsburg, Bayerisches Bündnis für Toleranz. Der Oberbürgermeister Kurt Gribl ruft die Bürger zur Teilnahme an den Gegenveranstaltungen auf: „Wir müssen aktiv werden und deutlich machen, dass Augsburg kein Ort extremer politischer Agitation ist. Mit dem Aktionstag ‚Vielfalt in der Friedensstadt’ auf dem Rathausplatz und weiteren Plätzen in der Innenstadt wollen wir dafür ein Zeichen setzen“. Die Gegenveranstaltungen umfassen ein buntes Programm: von Hip-Hop-Crews und Rockbands über die Ansprachen von Geistlichen, einer Lesung aus dem Tagebuch von Anne Frank bis zur Performance der Grünen, die als Müllkehrer verkleidet den geistigen Müll der Nazis aus der Stadt kehren wollen, ist für jeden etwas geboten.

Dem geschäftigen Treiben entspricht eine Rhetorik, die den Charakter des Protest offenbart: Der panischen 5-vor-12-Rettet-die-Demokratie-vor-den-Nazis-Rede entsprechend beginnt die Gegendemonstration am Katzenstadel um – trara: 5 vor 12. Um zu legitimieren, weshalb für 150 Nasen ein solcher Aufwand betrieben wird, warnt die Linke: „Die NPD und die mit ihr verbundenen Freien Kameradschaften haben mit ihrer Strategie der Erringung kultureller Hegemonie immer mehr Erfolge in Dörfern, Städten und ganzen Regionen, auch in Augsburg!“ Übertroffen wird dies nur noch von der Antifa , in deren Flyer es heißt: „Die Schuld am zerstörten Augsburg und am Leid vieler AugsburgerInnen (!) soll den Briten zugeschoben werden, von den eigenen Verbrechen wird abgelenkt und das rechtsextremistische Milieu soll als die Kraft dargestellt werden, die sich schützend um die deutsche Bevölkerung kümmert. Aufmärsche dieser Art nutzen die Nazis, um erneut an gesellschaftlichem Einfluss zu gewinnen. Das darf nicht sein! Rechtsextremistische Geschichtsverfälschung und Charmeoffensiven dürfen nicht geduldet werden!“ Und bei der VVN heißt es: „Augsburgerinnen und Augsburger, wehrt Euch!“.

Aber auch der alarmistische Ton und die Ausrufezeichen ändern nichts daran, dass die Aufmärsche in Augsburg mit oder ohne Gegenproteste den Nazis nicht nützen und die Neonazi-Subkultur soviel Charme versprüht, dass noch nicht einmal Dorfjugendliche, die für jeden autoritären Mist zu haben sind, offen Nazis sein wollen. Genauso unsinnig ist, dass die Nazis bei ihrem Kampf um kulturelle Hegemonie immer mehr Erfolge haben. Vielmehr sind diese bei Jugendlichen, anders als nach der Wende, alles andere als angesagt.

Die Frage muss also lauten, woher der panische und alarmistische Ton rührt. Die Antwort ist im Bedürfnis des narzistische gekränkten Subjekts zu suchen, das sich nach Tradition und Heimat sehnt: das kuscheln möchte.

„Lieber ein Land der Täter als gar keine nationale Kuschelecke“
(Eike Geisel)

Und wo auch immer gekuschelt werden wird, es wird eng. Denn nicht nur alle Parteien im Stadtrat und deren Vertreter hören auf Parteimitglieder zu sein und werden zu Augschburgern. Nicht nur die diversen zivilgesellschaftlichen und linken Vereine werden kuscheln. Kuscheln werden auch die Opfer der Bombenangriffe. Im gemeinsamen Aufruf heißt es:
„Wir gedenken aller Opfer des Nationalsozialismus, zu denen auch die Toten des von Deutschland begonnenen Krieges gehören. Dazu zählen die Toten und Verletzten der allierten (sic!) Luftangriffe auf Augsburg. Die schwersten Bombenangriffe am 25. und 26. Februar 1944 kosteten über 700 Menschen, davon ca. 250 KZ-Häftlingen, das Leben und zerstörten große Teile der Augsburger Innenstadt.“

Einerseits sollen die Bombenangriffe auf den Angriffskrieg der Deutschen zurückgeführt werden. Gribl betonte in seiner Rede zum Jahrestag des Luftangriffs auf Augsburg 2009, „dass es ohne 1933 die Bombennächte nicht gegeben hätte“. Anderseits sollen diejenigen die umgekommen sind Opfer sein, Opfer der Deutschen. So werden aus den Frauen und Männern der Heimatfront, die Opfer Hitlers. Dieser Geschichtsrevisionismus wird von allen offiziell unterstützenden Parteien und Vereinen und darüber hinaus getragen. Von der CSU bis zur VVN.

Und damit sind wir bei den einleitenden Ausführungen zum Gedenken. Denn auch in Augsburg kommt zusammen, was nur scheinbar nicht zusammen geht. Einerseits wird die Heimatfront betrauert und zum Opfer Hitlers, anderseits wird die Schuld Deutschlands für den Krieg eingestanden. So wird zugleich Tradition bewahrt und Identität gestiftet im positiven Bezug auf Augsburg, wie im Eingeständnis der Schuld. Kein Wunder also, dass im Aufruf von einem wir die Rede ist, in das der Einzelne sich einreihen darf:
„Wir sind stolz auf unser weltoffenes und tolerantes Augsburg. Hetze gegen Ausländer, Migranten, Minderheiten hat bei uns keinen Platz. Wir leben Demokratie. Wir verteidigen unsere Staatsform und ihre Grundwerte, die uns seit über sechzig Jahren ein Leben in Frieden, Freiheit und Stabilität bescheren.“
Unsere Staatsform? 60 Jahre Freiheit? Und Stabilität? Stolz auf Augsburg?

„Der Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv wird eingeebnet“ heißt es in den Notizen von Horkheimer, „wer ihn bewahrt ist wahrscheinlich ein Kommunist.“

Stimmt.

** modus: duale erniedrigung *

bier
I know it won’t be ok: das Anti-Sixpack aus Bier und Kaffee

(mh; „…“) verachtung und erniedrigung gehen seit jeher einen engen gemeinsamen weg, wenn es darum geht, möglichst radikal und wirksam gegen soziale oder kulturelle errungenschaften vorzugehen. eigentlich ist es gänzlich unmöglich das eine ohne das andere auszusprechen oder auch nur zu denken. abstufungen mag es hierbei nur bezüglich des betreffenden objektes und der intensität geben. geht es um physische vernichtung, im zuge weit verbreiteter sozial-pathogener phobie gegen „anderes“ und „andere“, sind dabei die klassischen mittel des brandsatzes und der einwirkung von stumpfer gewalt nicht fern.
es geht allerdings auch unberechenbarer und feingliedriger, im sinne einer doppelten strategie: zwei objekte auf augenhöhe gegeneinander ausspielen und dabei diesen vorgang in all seiner perversion unter dem deckmantel des klassisch modernen und marktwirtschaftlichen mantras des „anything can go“ bzw. „wo ein markt – da ein produkt“ abparken und als grandiose erweiterung einer bestehenden produktpalette verkünden. die halsschlagader zeigt den rapide steigenden puls an, die hand ballt sich zu faust und das kniegelenk ist willens den fuss samt des daran befestigten stiefels in das warensortiement zu jagen. auch gewinnt die option des öffentliche blosstellenes deutlich an berechtigung, muss doch jenes wirtschaftliche credo in den markt eine individuelle ensprechung in irgendeinem traurigen leben haben, geführt zwischen solarium, fitnessbude, großraumdisko und geschmacksverstärkern: wer kauft diese scheisse, wie sieht so ein verfluchter konsument aus?
es ist die selbstverständlichkeit der verachtung und erniedrigung zweier hoher kultureller erungeschaften sowie die zufälligkeit des auffindens, die einem hierbei die furcht den rücken hochtreibt. zu was sind lebensmittelchemiker ausserdem noch fähig? zu was stiftet die beliebigkeit einer gesellschaft diese wahnsinnigen sonst noch an?

…………………………………………………………………….………….„My generation sucks!“
Turbonegro // Hobbit Motherfuckers