Archiv für Januar 2010

Oink!

Joachim Bruhn hat an anderer Stelle darauf aufmerksam gemacht, dass die bürgerliche Öffentlichkeit sich einerseits gegen die Identifikation von Mensch und Tier verwehrt und schnell mit dem Verweis auf die entmenschlichende Rhetorik und Praxis des Nationalsozialismus bei der Hand ist, wenn es darum geht die bürgerlichen Verhältnisse zu verteidigen, anderseits beständig selbst zu tierischen Metaphern greift:

Wie kann es sein, daß die bürgerliche Öffentlichkeit, in Form der Welt am Sonntag etwa, das himmelschreiend Perverse der RAF einerseits darin findet, daß sie Menschen als “Schweine” bezeichnete, d.h. “den Funktionsträgern des ‚Systems’ das Menschsein abgesprochen hatte” – während sie andrerseits, wenige Seiten später im Wirtschaftsteil der gleichen Ausgabe, ein Portrait der VW-Maske Piëch unter der Schlagzeile “Der geborene Keiler” druckt und berichtet, der heiße sich puterstolz selbst ein “Wildschwein” und habe sich der “Abwehr von Freßfeinden” verschrieben.

In der FAZ vom 5. Januar wurde diesem Widerspruch ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Dort werden wohlwollend der Biologe Patrick van Veen und dessen Affenmanagement für Führungskräfte vorgestellt. Van Veen weiß: „Denn wir sind ja nicht nur Menschen, sondern auch Affen“. Auch? Wie jetzt? „Mehr als 98 Prozent unseres genetischen Materials teilen wir mit unseren engsten Verwandten, den Schimpansen“. „So gesehen“, ergänzt Reiner Burger, der Redakteur, der diesen Beitrag verbrochen hat, „sei es also verständlich, dass es am Arbeitsplatz oft zugeht wie in einer Affenhorde“. Ach so.

Van Veen ist „verblüfft von den vielen Parallelen zur Affenwelt: Koalitionsbildung, Täuschung, Lügen“. Können Affen lügen? Oder meint er damit seine Kollegen. Vor allem: was soll das Ganze? „Van Veen will Managern den Spiegel vorhalten.“ Eine tolle Metapher. Und was sehen die Manager dort? Im Idealfall: einen Silberrückengorilla. Einen Silberrückengorilla? Ja, einen Silberrückengorilla. Aber warum denn einen Silberrückengorilla? „Silberrückengorillas [sind] starke Führungspersönlichkeiten (…) – je dominanter ein Silberrücken, desto ruhiger die Gruppe. (…) Übernimmt ein Silberrücken die Führungsrolle in einer Gruppe, tötet er die von seinen Vorgängern gezeugten Jungen.“ So sieht es aus, das in Management-Seminaren und FAZ-Titelstories angepriesene Ideal: stark, ruhig, mörderisch. Soweit, so altbekannt. Und doch bleibt eine Frage: Was heißt das für das Schweinesystems ?