Archiv für November 2009

Rossmanns Jünger. Ein Bericht über eine Veranstaltung in der Bundesagentur für Arbeit.

Herzlich Willkommen zur Werbeveranstaltung der Firma Dirk Rossmann !

Das Herz und das Smile vom Flipchart ziehen die Blicke an. Der freundliche Herr vom Arbeitsamt schlägt den Versammelten nach der Begrüßung vor, dass Jede, die kein Interesse hätte, jetzt auch noch gehen könne. Zweimal wiederholt er dies, damit es auch Jede versteht und Rossmanns Jünger begreifen: Hier sitzen ausschließlich hoch motivierte Damen im Raum!
Wir – das sind 23 Frauen und 1 Mann, ( leider erschienen nur so wenige – am Vormittag waren es immerhin 40, und auf den beiden Veranstaltungen in München gestern deutlich mehr) wurden vom Arbeitsamt zu einer Informationsveranstaltung der Firma Rossmann eingeladen. Die „Einladung“ mahnt, dass wer sich nicht bei Rossmann bewirbt, mit mindestens 3 Wochen, evt. bis zu 12 Wochen Sperrzeit zu rechnen hat.

Auf etwa 40 Stühlen liegt Werbematerial der Firma Rossmann inklusive Mitarbeiterzeitung, die beiden Herren aus dem hohen Norden stellen sich vor, und wollen gleich wissen, wer Rossmann denn kenne, und was Rossmann denn sei: Welche Erfahrungen haben sie denn mit Rossmann ? Was kaufen Sie denn bei Rossmann ein ? Was bekommen Sie denn bei Rossmann als Erstes, wenn sie das Geschäft betreten, was steht denn da ?

Das Gefühl schleicht sich ein, in einer Kindergartenveranstaltung zu sitzen. Dennoch überschlagen sich einige anwesende Damen mit ihren Wortmeldungen. Jetzt fehlt nur noch, dass eine ihr eben bei Rossmann erworbenes Duschgel aus der Tasche zieht und vorzeigt !
„Steigen wir doch mit einem Filmchen ein“, tönt es im selben Stil aus dem Mund des älteren Herrn mit Krawatte. Das Filmchen ist ein Beitrag einer „Plus minus“ Sendung, in der Drogeriemärkte verglichen werden. Rossmann schneidet recht ordentlich ab, zumal sich Herr Rossmann gerne zum Gespräch bereit erklärt, und „Herr Schlecker“ dies verweigert.
Auf diesem Wege erfahren wir dann auch, dass bei Rossmann 100 Blatt des Toilettenpapier der Hausmarke für 9 Cent zu bekommen sind – bei der Konkurrenz muss man dafür bis zu 12 Cent berappen !

Nach der Werbesendung darf auch der Komparse etwas sagen, er hat sich doch so bemüht, gut anzukommen, in Trachtenjeans und kariertem Hemd. „Was glauben sie denn“ fragt er in einem Tonfall, in dem man Kindergartenkinder fragt ob sie bei bösen Männern ins Auto einsteigen dürfen, „welche Eigenschaften braucht man als Mitarbeiter der Firma Rossmann ?“
Am Flipchart schreibt er genauso fleißig mit, wie die Damen sich zu Wort melden. Da stehen flugs Werte wie: gepflegtes Aussehen, Pünktlichkeit, ehrlich, flexibel etc. Damit es Jede versteht, macht der Wahlbayer sich auch nicht die Mühe, Verben zu Substantiven umzuformulieren. Eine notwendige Voraussetzung für eine eventuelle Einstellung bei Rossmann ist ein Hauptschulabschluss. Welchen Abschluss hat wohl der Krawattenträger frage ich mich, als er sich hervortut: „Jetzt drück ich mich mal verbal aus. Was tun Sie, wenn die Kunden bescheißen?“

Immer engagierter putscht der Karierte seine zukünftigen Arbeiterinnen auf, notwendige Eigenschaften einer zukünftigen Mitarbeiterin zu nennen. Nicht ohne von seinem Kollegen des Öfteren wieder unterbrochen zu werden. Der hat noch einiges über den großen Chef zu erzählen:
Da kann es einem nämlich durchaus als Mitarbeiterin passieren, dass ein Herr in légèrer Cordhose und offenem Hemd den Laden betritt, man nach dem Namen gefragt wird, und sich besagter Herr dann als Herr Dirk Rossmann zu erkennen gibt! Kontakt mit einem Helden ! Ja, da gibt es noch bessere Geschichten zu erzählen, nämlich, dass Herr Rossmann schon mal in einem Münchner Markt, bei dem er sich mal so zeigen wollte, einen ganzen Tag höchstpersönlich mit angepackt hat, weil einige Leute fehlten.

Und nicht dass wir denken, dass unsere beiden Informanten nur erzählen würden, auch sie haben schon mit angepackt. Der ältere der beiden, besagter Krawattenträger mit deutlichem Bauchansatz, tut uns kund, dass er zwar zweimal die Woche ins Fitness Studio ginge, nach dieser schweren Arbeit aber keines mehr benötigte. „Alle Achtung vor den Frauen, die schon seit Jahren bei Rossmann Ware verstauen“! Sitzt deshalb nur ein Mann im Publikum ?

Danach werden die gesammelten Werte nochmals abgearbeitet, ausführliches Lamento über Teamfähigkeit, die Notwendigkeit zur Hilfsbereitschaft, die Verpflichtung jederzeit einzuspringen. Und da Weinflaschen die Angewohnheit haben, Staub anzusetzen, sollte man auch bereit sein, diese mal abzustauben. Wir profitieren nämlich auch davon, wenn eine Weinflasche nicht aussortiert werden muss, sondern noch verkauft werden kann ! Wir bekommen nämlich von Herrn Rossmann Geld bezahlt ! Beim Punkt „gepflegtes Auftreten“ meint besagter Herr, er würde erwarten, dass die Mitarbeiterinnen Rossmann-Produkte einkaufen, und diese auch täglich anwenden. Schließlich: „Sie sind Rossmann“ ! Ob wir dann auch wie Dirk Rossmann verdienen ?

Für mich ist der wichtigste Punkt Ehrlichkeit, fällt der „Chef“ seinem Begleiter ins Wort. Man muss an der Kasse schon seinen Popo heben, um zu sehen, was evtl. noch im Einkaufswagen liegt. Wenn dann die Dame an der Kasse ihren Popo nicht hochkriegt……- keine Frage, dieses Wort und der dazugehörige Gedanke, gefallen ihm !
„Wir machen ‚Aufmerksamkeitseinkäufe‘, und dann muss man schon aufstehen, wie bei Kaufland zu beobachten, um evtl. Verstecktes im Wagen zu entdecken.“
Nach einer guten Stunde sind die anwesenden Damen deutlich spürbar aufgeheizt, der Gedanke, die Beste für diesen anspruchsvollen Job zu sein, spukt wohl in so manchem Kopf.

Das Zuckerle hatte sich Herr Wichtig dann auch bis zum Ende aufgehoben: jetzt wollen sie sicher noch wissen, was sie verdienen. Wir lehnen uns an den Tarifvertrag des Einzelhandels an, da der neue aber noch nicht ausgehandelt ist, lässt Herr Rossmann seine Mitarbeiter nicht länger warten und hat großherzig gesagt: „meine Mitarbeiter bekommen ab dem 1. 1. 2008 alle um 2,5 % mehr“. Was ein toller Chef. Und es kommt noch dicker. Herr Rossmann hat im vergangen Jahr festgestellt, dass alles teurer wird, sogar die Milchprodukte, und da dies ja die Wenigverdiener am meisten trifft, bekamen alle geringfügig Beschäftigten im Oktober eine Einmalzahlung von 100 Euro. Außerdem sind bei der Firma Rossmann sage und schreibe 4 Damen das ganze Jahr über ausschließlich damit beschäftigt, an alle Mitarbeiter/innen einen 36 Euro Warengutschein zum Geburtstag zu verschicken! Nach der Aufzählung sämtlicher sozialer Leistungen, dem Hinweis auf einen hoch engagierten Betriebsrat und der Mitarbeit eines Frauenbeauftragten blieb dann doch der letzten Anwesenden die Spucke weg.

Eine Veranstaltung, an Infantilität kaum zu überbieten. Oder doch ? Ja ! Bereits zu Beginn wurden wir aufgefordert, unsere Bewerbungsmappen einfach auf unseren Stühlen liegen zu lassen, allerdings sahen sich am Ende die Damen doch genötigt vor dem Oberjünger Schlange zu stehen, um sich persönlich anzubiedern – wurden doch auch leitende Positionen in Aussicht gestellt!

Im Schwitzkasten

Ernst Piper!
Einen tolle Einleitung hast du dir bzw. hat sich ein Redakteur von Spiegelonline für deinen Artikel zu Georg Elser ausgedacht:

Ein Möbeltischler, der seinen Job aufgab, um Hitler zu töten, hätte die Deutschen vor 70 Jahren um ein Haar vor der Katastrophe bewahrt. Ach so, die Deutschen. Und wir dachten: die Juden, Roma, Sinti, 20 Millionen Sowjetbürger und noch ein paar Millionen andere, die Opfer der Deutschen wurden.

Doch Hitler entkam, Georg Elser wurde hingerichtet – und nach 1945 gar von Widerständlern diffamiert.
Sogar! Als wäre im Nachkriegsdeutschland nicht alle, die sich nicht in der ein (Mord) oder anderen (Beihilfe) Weise für Deutschland verdient gemacht haben, diffamiert worden, weil sie Widerstand geleistet haben (Elser und ein paar Kommunisten die bisher verschont blieben) oder nicht mitmachen wollten (Exilierte). Also alle, die den Deutschen vor Augen hielten, dass man nicht mitmachen musste, wenn man nicht wollte und es Freiräume gab, die nutze, wer sie nutzen wollte.

Erst langsam setzt sich durch: Elser war ein großer Deutscher.
Erst werden die Juden so sehr gedrückt, dass man nicht sagen kann, ob das nun Zuneigung ist oder schon ein Schwitzkasten. Und jetzt ist der Widerstand dran. Erst die Reformnazis um Staufenberg, jetzt der Einzelgänger Elser. Wäre Elser noch am Leben, er würde sich wehren gegen die Diffamierung, ein großer Deutscher zu sein. Vielleicht mit Bomben. Wer weiss?