Lieber sinnvoll diskutieren

So notwendig und richtig die grundlegende Kritik an der deutschen Linken ist, so mühsam ist sie auch. Es erweist sich täglich aufs Neue, dass Menschen mit einem geschlossen-ideologischen Weltbild und auswendig gelernten Argumenten fern der Realität für Argumente nur schwer zugänglich sind.
Realpolitik und Kritik vermischen sich, die Trennung wird aufgehoben und die Ablehnung des staatlichen Eingreifens zur Stabilisierung des Finanzsystems wird als Systemkritik imaginiert. Dabei wird ausgeblendet, dass eine Ausweitung der gegenwärtigen Krise innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Konstitution und ihren Denkformen, in der die Sozialdemokratie in Gestalt der Linkspartei bereits vom Großteil der Bevölkerung als Bedrohung der bürgerlichen Ordnung empfunden wird, weit schlimmere Folgen hätte als das Warten auf eine finale Krise, deren Eintreffen mehr als ungewiss ist. 700 Mrd. $, die nicht in das Finanzsystem gepumpt werden, werden noch lange nicht in sozialstaatliche Maßnahmen, medizinische Hilfsprogramme oder die ohnehin meist erfolglose „Entwicklungshilfe“ investiert.
Anstatt auf die zwangsläufige Krisenhaftigkeit des Kapitalismus hinzuweisen und das Entstehen der Spekulation als kapitalismusimmanent historisch notwendig zu belegen, sind wieder einmal raffgierige Manager oder der böse Zins die Wurzel allen Übels. Durch eine Regulierung des Bankensektors soll endlich allgemeine Gleichheit, die meist Elend meint, erreicht werden.
Nationalismus und Volksbegriff mit all ihren brutalen Folgen erscheinen der Linken plötzlich als Nebenproblem, wenn nur der Sozialismus endlich siegt. Als ob bürgerlicher Staat und kapitalistische Wirtschaftsweise zwei getrennte Sphären wären und eine Überwindung „des Neoliberalismus“ im nationalen Sozialismus das Paradies und nicht die Hölle auf Erden.
Es gilt zu überlegen, ob sich Diskussionen mit sich selbst als unpolitisch bezeichnenden oder den Fortschritt bejahenden Menschen nicht sinnvoller sind als das ewige und kraftraubende sich reiben an einer sich als emanzipatorisch verstehenden Linken, die allgemeines Elend im völkischen Zwangskollektiv meint, wenn sie Emanzipation sagt und die gesellschaftlichen Fortschritt nur als Errungenschaft von eben jenen Zwangskollektiven zu begreifen im Stande ist. Die Historie ist keineswegs eine Geschichte „großer Männer“, aber alles fortschrittliche an ihr sind eben nicht völkische Bewegungen, sondern die Schritte auf dem Weg zur Individuation der Einzelnen, die sich von Stamm, Familie und anderen Gemeinschaften emanzipierten.
Menschen, die tatsächlich zuerst einmal und vor allem an der Verbesserung ihres eigenen Lebensstandards interessiert sind, sind angenehmere DiskussionspartnerInnen als Menschen, die nie sich selbst, sondern immer die gesamte Menschheit im Blick haben und dazu ganz nebenbei den „neuen Menschen“ schaffen wollen, ein Vorhaben, dessen fehlende Realisierbarkeit die Geschichte bereits zur Genüge gezeigt haben sollte.