Die Ohnmacht der Gespenster

In den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen befinden sich die Anhängerinnen der freien Assoziation der Individuen (im Folgenden unter der Wortfamilie des Communismus gefasst) in einer vollkommen marginalisierten Position. Um dies festzustellen, bedarf es keiner ausgeprägten analytischen Fähigkeiten oder entwickelter soziologischer Methoden.
Wenn trotz aller wahrgenommenen Unzufriedenheiten überhaupt der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung besteht, die über ein rein reformistisches Eingreifen hinausweist, so äußert sich dieser meist in regressiven Vorstellungen von Volksgemeinschaft oder Staatssozialismus, sprich dem Ideal der negativen Aufhebung des Kapitalverhältnisses.
Anstatt diese Situation zu überdenken und zumindest verzweifelt zu versuchen, in irgendeiner Weise communistische Agitation zu betreiben, bleiben in großen Teilen der progressiven radikalen Linken die Aktionsformen weit hinter dem Reflexionsniveau zurück, während in der traditionellen Linken das Reflexionsniveau vermutlich exakt den traurigen Aktionsformen entspricht.
Um sich selbst und anderen die eigene Ohnmacht nicht eingestehen zu müssen, beginnen Communistinnen einen „Kampf“ gegen eine zwar sicherlich widerliche und inhaltlich in höchstem Maße anti-emanzipatorische, aber eben doch gesellschaftlich ebenfalls vollkommen marginalisierte „Bewegung“: die Nazis.
Spätestens seit dem Antifa-Sommer 2000 ist der Kampf gegen Nazis Staatsraison, was natürlich nicht bedeutet, dass auch inhaltlich eine vollständige Abgrenzung stattfand, da eine solche in einer auf Staat, Nation und Kapital beruhenden Gesellschaft schlicht und einfach nicht möglich ist. Dennoch werden Nazis als Störfaktor für den Standort Deutschland wahrgenommen; mit Ausnahme einiger zivilisationsfeindlicher Gebiete vor allem in Ostdeutschland besitzen sie keinerlei gesellschaftliche Relevanz.
Anstatt sich nun darüber zu freuen, dass eine als Hauptaufgabe der Linken wahrgenommene Aufgabe, der Selbstschutz durch Widerstand gegen die deutlichste Ausprägung deutscher Denkformen in Gestalt der Nazis, zum Programm der Zivilgesellschaft wird, beginnen auch Communistinnen wie die gesamte deutsche Linke einen vollkommen unsinnigen Wettkampf mit Parteien und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren um den besten Antifaschismus (der heute eben fast ausschließlich Antinazismus meint), welcher sich ausschließlich auf symbolischer Ebene vollzieht. Inhaltliche Differenzen treten in den Hintergrund zugunsten eines gesamtgesellschaftlichen „Aufstands der Anständigen“, es ist unmöglich, auf einer Demonstration oder bei gemeinsamen Hetzjagden auf die vermeintlichen Hauptfeinde (deren Sinn durchaus bezweifelt werden darf) theoretisch zu vermitteln, warum Nazis eben nur eine besonders widerliche Ausprägung der gesamtgesellschaftlichen Konstitution sind und deren Verschwinden nicht den Beginn eines goldenen Zeitalters markieren würde.
Um sich aber dennoch von den zumeist als inhaltlich ja durchaus so wahrgenommenen „Gegnerinnen der eigenen Sache“ innerhalb des antinazistischen Volksaufstandes abzugrenzen, wird eine Scheinradikalität geschaffen, die sich im Tragen von möglichst martialisch aussehenden schwarzen Kleidungsstücken ausdrückt. Seine Funktion als Selbstschutz vor Anti-Antifa und filmenden Repräsentantinnen der Staatsgewalt hat dieser Dresscode, so er sie denn jemals besaß, längst verloren. Stattdessen ist er Ausdruck einer Selbststilisierung, die fehlende inhaltliche Abgrenzung durch modische Grausamkeiten zu ersetzen sucht. Im Wissen darum, sich innerhalb der antinazistischen Bewegung nicht von deren nationaler Funktion abgrenzen zu können, klammern sich Antifas an Statussymbole und gewaltfetischistisches Verhalten und finden ihre größte Bestätigung im alljährlichen Erscheinen im Verfassungsschutzbericht.
Auch wenn der rebellische Gestus – ähnlich wie auch im sexistisch-homophoben Rap oder bei den verunglückten Frisuren der Punks – eine gewisse Anziehungskraft auf „alternative“ Jugendliche ausübt und die Antifa somit immer wieder einen Einstiegspunkt in communistische Zusammenhänge bietet, so ist das abschreckende Erscheinungsbild eines hemmungslos grölenden „schwarzen Blocks“, welches den größten Teil der Außenwahrnehmung communistischer Gruppen ausmacht, auf Dauer doch eher hinderlich für eine argumentative Auseinandersetzung mit anderen Menschen und somit auch für die eigentliche Agitation, die tatsächlich schwieriger und auch deprimierender ist als das Mitschwimmen im antinazistischen Konsens linker bzw. bürgerlicher Bündnisse, jedoch gleichzeitig unerlässlich bleibt angesichts der oben beschriebenen Ohnmacht.
Allerdings scheint es so, als fühlten sich communistische Gruppen durchaus wohl in ihrem eigenen subkulturellen Kosmos. Die eigene Gruppe ist ein Schutzraum gegen die „feindliche Außenwelt“, hier finden Communistinnen Freundinnen, die denken wie sie, hier können Argumente weiterentwickelt und Kraft gesammelt werden für den Rest der Woche bis zum nächsten Treffen. Dies ist an sich keinesfalls zu verurteilen und bewahrt einige Communistinnen womöglich vor der vollkommenen Verzweiflung. Wenn sich die politischen Aktivitäten allerdings darauf beschränken, die eigenen Strukturen und somit das Fortbestehen der eigenen Subkultur zu erhalten, so wird die eigene Ohnmacht potenziert und die Idee des Communismus bleibt ein Gespenst ohne Raum zum Spuken.
Die Reflexion der eigenen marginalisierten Position sollte einerseits nicht dazu führen, sich durch gesellschaftlich anerkannte Aktivitäten, wie z.B. den „Kampf gegen Nazis“, von der eigenen Handlungsfähigkeit überzeugen zu wollen, andererseits sollte aus ihr aber auch nicht der Rückzug in die winzige heile Welt der Politgruppe folgen.


1 Antwort auf „Die Ohnmacht der Gespenster“


  1. 1 Kritik der Antifa und Prag at Mané Pingback am 08. Juli 2008 um 16:06 Uhr
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