Marginalien zum Gedenken an die Augsburger Bombennacht. Oder: Die Anthropologisierung des Nationalsozialismus.

Die Innenstadt ein Flammenmeer – 730 Menschen sterben – 1335 verletzt – jedes vierte Haus zerstört – Hinter den Zahlen stehen Menschen – viele tragen dieses Leid heute bis heute mit sich.
Einerseits.

Anderseits, so Gribl in seiner Eröffnungsrede der Gedenkveranstaltung am 25. Februar 2011, dürfe man nicht vergessen, dass ab 1933 Menschen für ihre Überzeugungen eingesperrt und umgebracht wurden, dass 1938 die Augsburger Synagoge brannte, dass der Krieg Leid über die Völker Europas brachte, bevor er nach Deutschland und Augsburg heimkehrte.

Wie passt das nun zusammen? Wie passt zusammen, den Opfern der Deutschen zu gedenken und den Deutschen? Über das „wir“. Über den, der auch dann lieber Teil des Kollektivs als Individuum ist, wenn es das Kollektiv der Täter ist, das zuerst in der Tat und später im Einverständnis der Schuld zusammenfand.

Gribls Rede war kaum von der der Vorjahre zu unterscheiden. Und so fiel es dem Gastredner Robert Domes zu, den erinnerungspolitischen Eiertanz auf ein neues Niveau zu heben.

Geschichte wiederholt sich nie. Gedenkreden schon.
Wie 2009 und 2010 geht der Rede des Oberbürgermeister Kurt Gribl 2011 die Frage voran: „Wie konnte dies geschehen?“.

Die Antwort der beiden letzten Jahre lautete: Alle Opfer
Die Augsburger sind Opfer des Krieges. Der Krieg aber ging von Deutschland aus. Also von den Nazis. Damit sind die toten Augsburger Opfer der Nazis.

2011 lautet sie: Alle Täter
Die Stadt hat sich einen Redner ausgesucht, der es schafft, den Widerspruch zwischen Opfern und Tätern, zwischen der Unmöglichkeit beiden zugleich zu gedenken, zu kitten. Während Erinnerungspolitik im Allgemeinen von Reden des Bundespräsidenten sich im Laufe von Jahren ihren Weg zur bayrischen Provinz bahnt, antizipiert die Rede von Robert Domes eine Entwicklung, die erst in den nächsten Jahren sich durchsetzen wird: die Anthropologisierung der Tat.

Die anschauliche, zu anschauliche Antwort auf die Frage, wie der Nationalsozialismus möglich war, macht Domes in seiner Rede an Nähe und Distanz der Täter zu ihren Opfern fest. (1) Vorurteile würden vor allem dort gedeien, wo Menschen Distanz zueinander wahren. Begegnung hingegen mache die Erfahrung möglich, dass Vorurteile falsch sind. (2) Die Tötung von Menschen werde dadurch erleichtert, dass Befehlsgeber und –ausführer keine Personalunion bilden. Zudem (3) entspreche die Entwicklung modernen Waffentechnologie der Delegation von Verantwortung an übergeordnete Autoritäten, weil heute kein Soldat mehr den Objekten seiner Gewalt in die Augen sehen müsse.

Und der Mann hat Recht, weil er auf allgemeine Tendenzen moderner Gesellschaften hinweist, in denen Bürokratien sich gegen Menschen verselbstständigen und mündige Individuen auf Funktionen reduziert werden.

Anthropologie statt Ideologiekritik
Und trotzdem liegt er falsch. Weil ihm die allgemeinen Tendenzen hinreichende Gründe für den Nationalsozialismus sind, keine notwendigen Voraussetzungen. Und so wird alles eins und alles falsch: Die richtige Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Deutschen sechs Millionen Juden, Sinti und Roma, Behinderte und andere Unter- und Nebenmenschen umbrachten, wird aufgelöst im Allgemeinen, das wir alle sind. Wir alle sind gierig, wir alle sind eitel. Deshalb sind wir verführbar. Und aufgrund dieser anthropologischen Prägung taten die Deutschen, was sie taten.

Allen Ernstes und ohne Widerspruch frägt Domes:

Was muss passieren, dass Menschen in Bombern über Augsburg Bomben abwerfen? Was muss passieren, damit Menschen andere zu Tode spritzen und vergasen?

Die berechtigte Frage nach den Voraussetzungen des Ungeheuerlichen wird zur Entschuldigung der Täter. Denn wenn alle schlecht sind, wenn es keinen Unterschied zwischen der Aktion T 4 und der Big Week mehr gibt, wenn alle Täter sind, dann sind die Verbrechen der Deutschen nur allzu menschlich.

Und damit schließt sich der Kreis: Dass die Stadt Augsburg weder den Opfern gedenkt, die in Augsburger Konzentrationslagern (die mit dem Euphemismus Außenlager bezeichnet sind) ermordet wurden, noch den Augsburgern, die aus der Gemeinschaft der Deutschen ausgeschlossen und umgebracht wurde, sondern der Bombardierung, die das Ende des Nationalsozialismus praktisch herbeiführte und versinnbildlicht, ergibt wieder Sinn. Wenn es keinen qualitativen Unterschied hinsichtlich der Motivation und ideologischen Rechtfertigung der Tat mehr gibt und alle ohne Überzeugung und aus Autoritätshörigkeit morden, dann sind auch die Deutschen entschuldigt. Wie alle anderen sind sie Menschen. Und als solche eben verführbar.

Geschichte als lokale Währung

Stadtwerke III
Gedenktafel für Augsburgs Befreier am Gebäude der Stadtwerke in der Augsburger Innenstadt

Wie unkompliziert der Prozess des Erinnerns und Erinnertwerdens doch scheinbar sein kann. Man schließt am besten die Augen, stellt sich das Objekt der Erinnerung verträumt vor und heftet ihm zunächst die unterschiedlichsten Facetten und Eigenschaften an, gerade soviel, dass dabei weder die eigene Vorstellungskraft, noch die von anderen Teilnehmern einer derartigen Aktion allzu sehr strapaziert wird. Was dann im Falle einer spezifisch lokalpatriotischen Aufgabenstellung natürlich zu folgen hat, ist: Anschlussfähigkeit herstellen, und zwar möglichst robust. Heimat, in ihr konstruierte Geborgenheit, allgemeine Vergewisserung von überregionaler Relevanz der direkten Lebensumgebung und klare Sprache sind bei derartigen Manövern natürlich nützlich. Geradezu unumgänglich werden sie jedoch vor allem dann, wenn es um Erinnerungen an die dunkle Nazizeit geht. Problematisch wird es spätestens dann, wenn das alles zu einer Orgie im öffentlichen Raum ausufert.
Gemessen am Grad der unglaublichen inhaltlichen Anmaßung und Verzerrung historischer Zusammenhänge, befindet sich die „Friedensstadt Augsburg“ seit Ende April 2010 definitiv in orgastischen Zuständen.
Scheinbar mustergültig wurden von Stadtrat und Bürgermeister a.D. Theo Gandenheimer, sowie des Vereins Amerika in Augsburg die Abfolge erinnerungspolitischer To-Dos befolgt, als auf ihre Initiative hin jene Gedenktafel realisiert wurde, die seit dem 28. April 2010 die Fassade der Augsburger Stadtwerke am Hohen Weg ziert. Nicht an irgendeiner beliebigen Stelle, schließlich klärt das mit dem Augsburger Wappen bestückte Trum doch darüber auf, dass:

„Hier […] am 28.April 1945 die 3.US-Infanterie-Division mit Hilfe der Augsburger Freiheitsbewegung die Stadt von der Herrschaft des NS-Regimes [befreite].“ Somit „ blieb Augsburg vor weiterer Zerstörung bewahrt“.

Nähert man sich zunächst einmal rückwärts dieser Inschrift, so fällt bereits auf, wer da scheinbar für die weitere Zerstörung der „Schwabenmetropole“ die Hauptverantwortung zu tragen gehabt hätte und nur durch beherztes Eingreifen bzw. „Helfen“ in seinem Zerstörungswahn gestoppt werden konnte. Zerstörung des eigenen Lebensraums zwischen Lech und Wertach? Das wollte und konnte sich die „Augsburger Freiheitsbewegung“ nicht bieten lassen. Die Amerikanischen Streitkräfte mussten erst einmal gestoppt werden. Es gelang, Schlimmeres zu verhindern. Damit bleibt lediglich die US-Army als zunächst böse, dann befreundet handelnder Akteur erkennbar, dem „weitere Zerstörung“ anzurechnen gewesen wäre. Sprachlich zeigt sich dieser Schritt auch im Profil des Vereins, indem „den“ Amerikanern scheinbar eine Entwicklung hin zum Guten attestiert wird, nämlich von „Besatzer[n] [hin] zur befreundeten Nation“. Als wäre durch Erziehungsarbeit, aus einer unangenehm feindlichen Bestie ein angenehmer Zeitgenosse geworden, der einem immer großzügig Kaugummi gegeben hat.

Dass durch diese argumentative Richtung jegliche Bezugnahme auf die tatsächliche Kausalität des Zweiten Weltkrieges (Deutschland entscheidet sich arischen Lebensraum durch industrielle Vernichtung generieren zu müssen) grundlegend verstellt bleibt und die letztlich unmittelbar möglich gewordene Zerstörung „Augsburger Lebensraums“ ausschließlich den späteren „Besatzern“ zugesprochen wird, schnürt einem doch sehr schnell den Hals zu. So ist es weiterhin nur folgerichtig, dass die Tafel in ihrer wertfreien und völkerrechtlich geschwängerten Sprache, den deutschen Vernichtungsapparat zu einem scheinbar konturlosen und inhaltsleeren „Etwas“ degradiert. Das „NS-Regime“, das sich aus dem Weltall auf den Staat und die Stadt gestürzt hatte, verzog sich, so wie es gekommen war auf Nicht-Mehr-Wiedersehen zurück an einen unbekannten Ort. Der „Augsburger Freiheitsbewegung“ sei Dank, alleine hätten das die amerikanischen Streitkräfte wahrscheinlich nur schwer bewerkstelligt. Gerade diese vermeintlich notwendig gewordene Hilfestellung lokaler „Friedensgrößen“ und deren Konstruktion als angeblich unabkömmliche Akteure in der Geschichte treiben einem dann endgültig die verständnislose Wut in den Kopf. Wie unbedarft und offensichtlich stumpf kann eine Stadt mit eigener Geschichte umgehen und im öffentlichen Raum derartig lauwarme, gruslige Anker geschichtlicher Konstruktion platzieren?

Als kurzer Einblick in die historischen Umstände sei erwähnt: Im Zusammenschluss, als die amerikanischen Streitkräfte bereits unmittelbar vor Augsburg standen (!), bewirkten tiefenüberzeugte Freiheitsgeister lediglich, dass die GIs direkt an die Stelle geführt wurden, an der heute jene Plakette thront und sich damals der Kommandobunker befand. Sache erledigt, Gewalt über die Stadt übergeben! Durch die limitierte Sprache der aktuellen Tafel verwischt sich nun dieser simple, gemeinschaftliche Vorgang in seiner begrenzten Bedeutung absolut, und soll – alleine schon durch die Terminologie der „…bewegung“ – als organisierte und v.a. dauerhafte Bewegung verkauft werden, die ebenso als militante Fundamentalopposition zum Nazisystem verstanden werden soll. Als hätte es zum damaligen Zeitpunkt noch eine andere Option gegeben, außer der bedingungslosen Aufgabe. Die alliierten Flugblätter über der Stadt (Auszug: „Erspart eurer alten Stadt und ihren Bewohnern den Regen von Stahl, der Augsburg zu vernichten droht“) drücken unmissverständlich die tatsächliche Situation aus, in der sich die „Freiheitsbewegung“ entschied, zur Tat zu schreiten: Es gab schlichtweg keine andere Wahl, als die Kapitulation einzuleiten. Und nichts anderes ist geschehen. Nicht mehr, und nicht weniger.

In einer absoluten „Nullsituation“, also einem Zustand ohne Kenntnis jedweder historischer Umstände, transportiert die Tafel jedoch unweigerlich Assoziationen mit sich, die die „Augsburger Freiheitsbewegung“ zum einen als Akteur „auf Augenhöhe“ mit den amerikanischen Streitkräften in der Geschichte platzieren soll und zum anderen in eine Reihe stellen soll, mit den organisierten und v.a. aktiv gegen deutsche Truppen kämpfenden Partisanen- und Widerstandsbewegungen aus Frankreich, Italien und dem Balkan, bis hin nach Warschau und Weißrussland. Schließlich wurde ja auch in Augsburg letztlich „befreit“, irgendeine Schnittmenge wird es da schon geben. Dass in Augsburg jedoch eben Nichts und wieder Nichts gegen das Nazisystem direkt gerichtet wurde, sondern sich jene „Bewegung“ erst dann zusammentat, als sowieso schon alles zu spät war und die Amerikanischen Streitkräfte bei Steppach und Westheim waren, verdeutlicht gleichzeitig die Anmaßung von der diese Tafel getrieben ist. So ist es auch mehr als nur bezeichnend, dass jene Mitglieder der „Freiheitsbewegung“ nicht mit den weiter vorrückenden amerikanischen Streitkräften dafür sorgten, dass die Stadt tatsächlich befreit wurde. Die „kostbare“ Innenstadt war ja verschont geblieben, da konnten die GIs genauso gut auch alleine über den Lech und die Friedbergerstraße entlang ziehen und sich in wenigen direkten Feuergefechten mit verbleibenden Krauts auseinander setzen. Das tatsächliche Risiko fürs eigene Leben und die Bereitschaft die „Drecksarbeit“ zu erledigen, sollten doch bitteschön andere mitbringen.

Doch es geht noch selbstentlarvender: Der Verein „Amerika in Augsburg“ verzeichnet auf seiner Homepage [Wenn nicht anders gekennzeichnet, sind alle folgenden Zitat dieser Homepage entnommen] nicht nur den „harten Kern“ der „Augsburger Freiheitsbewegung“, sondern macht des Weiteren auch noch einen damaligen Dunstkreis jener „Männer mit gesundem Menschenverstand“ aus, die zwar nicht direkt beteiligt gewesen waren, sondern einfach „im rechten Augenblick das entscheidend Richtige taten.“ Die Stimmung war scheinbar nicht unbedingt gut, toll dass sich da ein paar örtliche Honoratioren dazu bereit erklärt haben, die allgemeine Stimmung zu heben. Geschenkt, dass es sich hierbei natürlich primär um das alte Establishment handelt, also Kirchenleute, Ärzte und Rechtsanwälte. Aber dass auch der damalige Oberbürgermeister Josef Mayr in diesen Dunstkreis gerechnet wird, rundet die Ekelhaftigkeit der erinnerungspolitischen Tafel bei den Stadtwerken ab und schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Josef Mayr, NSDAP-Mitglied seit 1922 (!), Freikorpsmitglied und zweimaliger Frontkämpfer während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister 1934 – 1945, ein Nazi der ersten Stunde, erfährt so also durch den Verein „Amerika in Augsburg“ seine späte Reinwaschung und wird mit dieser Tafel indirekt im Stadtbild verankert. Gleichzeitig lässt sich hiermit die Selbstrelativierung der ganzen Tafel wohl am besten greifen: Wenn also selbst der lokale Obernazi, der darüber hinaus auch noch als Gauschatzmeister und Gaupropagandaleiter des Gaus Schwaben mit dem System verzahnt war, den damaligen „Freiheitsbewegten“ zugerechnet werden kann, dann ist Alles Nichts und Nichts ist Alles. Jegliche Darstellung der damaligen Zusammenhänge und ihrer Akteure auch nur in die Nähe von tatsächlichem Widerstand zu rücken – und genau das tut diese Tafel – mündet unweigerlich in einer ekelhaften und ungerechtfertigten Aufrüstung aus lokalpatriotischer Besinnungslosigkeit. Die Furcht vor der Zerstörung der eigenen „schönen Heimat“ und ihre heutige Besinnung darauf, erscheint damit nicht nur inhaltsleerer denn je, sondern auch als bedenkenswert manipulativ.
Wenn dies die Überreste der lokalen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und das Nationalsozialistische Deutschland sein sollen, die im Augsburger Stadtbild – Metall auf Mauerwerk – verewigt bleiben, dann Gute Nacht.

m. herbst

Bankrott.

Es sei dahingestellt, ob es ein Glück ist, wenn jene, die man erdolchen möchte, einem ins Messer springen. Judith Butler hat dies getan; mit Anlauf.

Nachdem Butler im Juli 2010 einen Preis für Zivilcourage ablehnte, der ihr auf dem CSD verliehen werden sollte, nahm sie im Interview mit der Jungle World Stellung zur Kritik an ihrer Person und unterstrich mit ihren Argumenten noch einmal, wohin eine heideggersche Theorie führt, die keine Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung kennt und daher notwendig keinen Begriff von Wahrheit, Freiheit, Ideologie und Antisemitismus hat: in die Beliebigkeit individueller, entindividualisierter Standpunkte und in der Konsequenz zur Gleichgültigkeit gegenüber antisemitischen Mörderbanden. Konfrontiert mit der Frage, warum sie Hamas und Hisbollah 2006 als Teile der „global left“ bezeichnet hat, antwortet sie:

„Als Antwort auf eine Frage aus dem Auditorium habe ich gesagt, dass– deskriptiv gesehen– diese Bewegungen in der Linken zu verorten sind, doch wie bei jeder Bewegung muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er sie unterstützt oder nicht. Ich habe keine der genannten Bewegungen jemals unterstützt, und mein eigenes Engagement gegen Gewalt macht es unmöglich, das zu tun. Man könnte viel darüber sagen, wie diese Bewegungen entstanden sind und was ihre Ziele sind. Das würde bedeuten, sie als Bewegungen gegen Kolonialismus und Imperialismus zu verstehen. Jede Analyse müsste auch die gesellschaftlichen Dimensionen und den Ort der Gewalt im Kampf dieser Gruppen mit einbeziehen. Ich selbst habe mich deutlich gegen Gewalt ausgesprochen (…)“.

Nach nochmaliger Nachfrage, konkretisiert Butler warum Hamas und Hisbollah links sind:

„Der einzige Grund, warum ich glaube, dass, deskriptiv gesehen, diese Gruppen unter die Kategorie »links« gehören, ist, weil sie gegen Kolonialismus und Imperialismus kämpfen“.

Die Antworten, die Butler sich gut überlegt hat, weil sie wusste, mit welchen Fragen sie konfrontiert werden wird, sind unfassbar und verlogen.
Deskriptiv (!) sollen die Hamas und Hisbollah links sein. Dass beide mit Linken paktieren, dass Linke Sympathien für jene hegen, dass es ideologische Schnittmengen gibt, all das muss nicht diskutiert werden. Freilich sind dem Selbstverständnis nach beide Gruppen noch nicht einmal im weitesten Sinne links. Sie beziehen sich weder auf einen linken Theoretiker, noch haben sie eine wie auch immer geartete linke Programmatik. Nicht die Hamas ist links, sondern die Linke wird djihadistisch. Als Butler 2006 Hamas und Hisbollah zur „global left“ zählte, tat sie dies, weil sie, die Teilnehmer des teach in und Millionen Demonstranten weltweit, jede Art des Kampfes gegen Israel als legitim erachten. Israel, da muss man nicht interpretieren, sondern das sagt sie unumwunden, ist ein imperialistischer Kolonialstaat. Und was mit solchen aus linker Perspektive zu geschehen hat, das weiß man als Linke. Oder Hamassympathisantin.

Mag sein, dass Butler später aufgefallen ist, dass sie als queere, jüdische Amerikanerin unter der Hamas nichts zu lachen hätte. Sie hätte ihre Position widerrufen können. Aber Butler ist nicht Brecht: Wo sie A sagt, will sie B sagen. Und deshalb legt sie nach. Wer sie kritisiert, ist Antisemit:

„Es ist sehr schwer, jemanden daran zu hindern, deine Worte in einer Art und Weise zu verwenden, die nicht deiner Intention entspricht und die gegen deine wichtigsten Werte verstoßen. Ich habe mich auch gefragt, ob die Verwendung meiner gekürzten Bemerkungen über Hamas und Hizbollah nicht selbst eine Art antisemitischer Angriff war. Ich spüre in der Tat wieder meine Verletzbarkeit als Jüdin in Deutschland, wenn ich auf diese Art und Weise in den Medien diskreditiert werde. Es wäre mindestens paradox, wenn ich als queere Jüdin mich für Hizbollah und Hamas aussprechen würde, wie das in der Taz nahegelegt worden ist. Ihre Taktik, in der meine Aussagen verzerrt worden sind, hat mein Jüdin-Sein negiert und mich als eine selbsthassende Jüdin dargestellt, und in diesem Sinne wurde mir Gewalt angetan“.

Immer wieder sprachlos:
Offensive Selbstverteidigung

Ich habe nichts gegen Against me!,

ach, Quatsch, hab ich wohl: Autoritäre Charaktere, die sich das anarchistische ticket gezogen haben, sich gegen die Macht, den Staat, die big corporations auflehnen und sich doch nur danach sehen sich einer anderen als der verhassten Autorität anzudienen. Was Kritik sein will ist Ressentiment. Politisch sind Against me! deshalb auch gegen Alles, was die Szene Scheiße findet, vom Irak Krieg bis zum Sellout der Punkszene an große Labels. Deshalb ist etwas lustig, dass die Band nun mit dem Anarchismus gebrochen hat und ihn als bloodless ideology ausgibt, als Verirrung ihrer Jugend:

I was a teenage anarchist
Looking for a revolution
I had the style, I had the ambition
Read all the authors I knew the right slogans
There was no war but the class war
I was ready to set the world on fire
I was a teenage anarchist
Looking for a revolution

Do you remember when you were young
And you wanted to set the world on fire
Do you remember when you were young
And you wanted to set the world on fire

I was a teenage anarchist
But the politics were too convenient
In the depths of their humanity
All I saw was bloodless ideology
With freedom as their doctrine
Guess who was the new authority
I was a teenage anarchist
But the politics were too convenient

Do you remember when you were young
And you wanted to set the world on fire
Do you remember when you were young
And you wanted to set the world on fire
When you were young
And you wanted to set the world on fire

I was a teenage anarchist
But then the scene got too rigid
It was mob mentality
They set their rifle sights on me
Narrow visions of autonomy
You want me to surrender my identity
I was a teenage anarchist
The revolution was a lie

Ja, ich kann mich erinnern jung gewesen zu sein und habe damals Positionen vertreten, die ich heute falsch finde. Aber wer wie Against me! zurückblickt und feststellt, nur slogans auswendig gelernt zu haben und Anarchismus ganz offen als ticket ausgibt, weshalb der Bruch mit dem Anarchismus auch den Abschied aus einer Szene (!) markiert, der gibt mehr über seinen Geisteszustand preis, als ihm/ ihr bewusst sein dürfte. Und weil es sich seltsam anhören könnte, wenn nicht nur Class war, sondern auch Freedom dem Spott preisgeben werden, geriert sich der Rebell als Verfolgter: „It was mob mentality. They set their rifle sights on me”.
Punk’s dead. Who’s next?

Pressefreiheiten

Als die Friedensaktivisten vom Free Gaza Movement noch nicht wussten, dass es Videoaufnahmen der israelischen Marine gibt, lautete ihre Version der Ereignisse an Bord der Mavi Marmara folgendermaßen:

(Cyprus, June 1, 2010, 6:30 am) Under darkness of night, Israeli commandoes dropped from a helicopter onto the Turkish passenger ship, Mavi Marmara, and began to shoot the moment their feet hit the deck. They fired directly into the crowd of civilians asleep.

Dass die Israelis nicht auf schlafende Zivilisten feuerten, sondern in der Annahme, dass sie nicht angegriffen würden sich auf Deck der Mavi Marmara abseilten und dort unmittelbar mit Messer und Metallstangen angegriffen wurden, belegen die Videos der israelischen Marine [hier und hier] und die Aussagen eines israelischen Journalisten, der die Marine begleitete. Die in Funk und TV vertretenen Meinungen schieden sich in den letzten Tagen maßgeblich an der Frage, ob nicht der Einsatz der Israelis unverhältnismäßig war und die Toten nicht hätten vermieden werden können, wenn die IDF die Schiffe mit anderen Methoden zum Anhalten gezwungen hätte.

Nun nimmt die Diskussion eine Wende:

Zum einen veröffentlich die auflagenstärkste türkische Zeitung Hürriyet Photos, die von der IDF laut Angabe von Hürriyet gelöscht wurden, weil sie peinlich für Israel und die IDF seien. Für Hürriyet sind die Photos ein großer Clou, da es gelungen sei, die gelöschten Photos wieder herzustellen und diese belegen würden, dass die Israelis sich „amateurhaft“ und „inkompetent“ verhalten haben. Die Zeitung feiert die Aktivisten die Soldaten des Spezialkommando in ihre Gewalt gebracht haben und freut sich hämisch über die Angst in den Gesichtern der Soldaten.

Die Nachrichtenagentur Reuters hingegen wählt informationsstrategisch einen anderen Weg:

Wie zwei Blogger [hier und hier] nun herausgefunden haben, hat Reuters („The World’s Leading Source of Intelligent Information“) zwei Bilder von der Mavi Marmara im Sinne der antiisraelischen Aktivisten gefälscht. Im ersten wurde der Bildausschnitt so verändert, dass das Messer das einer der Aktisten, der über einem zu Boden geworfenen Soldaten steht, nicht mehr zu sehen ist. Im zweiten Bild wurde ein Messer, eine Blutlache und ein verwundeter israelischer Soldat der am Boden liegt, retouchiert.

Während Hürriyet mit ihren Photos belegt, dass die Aktivisten nicht friedlich geschlafen haben und mehrere Soldaten in ihre Gewalt gebracht haben, fälscht Reuters Photos der Aktivsten um deren Friedfertigkeit zu belegen.

[Wir danken unseren Freunden vom Augsburger Zusammenschluss für den Beitrag]